Handyverbot in Dänemark: Handyverbote an Schulen lenken nur ab

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Smartphones in der Schule nerven. Besonders Lehrerinnen und
Lehrer, die mit unkonzentrierten, fahrigen und mitunter nörgelnden
Schülerinnen und Schülern ringen, die ihr Handy nicht weglegen wollen. Kein Wunder – das
Ablenkungspotenzial der Geräte ist unerschöpflich, der Strom an neuen Videos,
Bildern und Benachrichtigungen reißt nie ab.

Dagegen will die dänische Regierung nun vorgehen: Das Land plant ein gesetzliches Verbot für private Handys und Tablets in den Klassenzimmern und auf dem Schulgelände der allgemeinbildenden Grund- und Sekundarschulen. Das würde bedeuten, dass es nahezu allen Kindern im Alter von sieben bis etwa 17 Jahren verboten wird, ihre Handys mit in die Schule zu bringen. Damit geht Dänemark weiter als etwa Griechenland,
Italien
oder Großbritannien,
die das Mitbringen der Telefone nicht komplett verbieten, wohl aber deren
Nutzung im Unterricht.

Doch: Ein solches Totalverbot ist zum Scheitern verurteilt. Es
wird an absehbar vehementen Widerständen zerbröseln: dem von
Schülerinnen und Schülern, die solche Verbote boykottieren und unterlaufen
werden und dem von besorgten Eltern, die es inzwischen gewohnt sind, ihren
Nachwuchs rund um die Uhr erreichen zu können. Wer sie nicht einbindet, der macht
am Ende nur ziemlich hilflose Symbolpolitik.

Nicht die Politik, die Schulen sollten entscheiden

Das heißt nicht, dass man die Probleme, die es im Umgang mit
Smartphones an Schulen gibt, einfach kleinreden, ja wegignorieren sollte. Schülerinnen
und Schüler, die schlechtere Schulleistungen erzielen und sich, wie sie
in der Pisa-Studie berichten, von digitalen Endgeräten abgelenkt
fühlen, die
sich Cybermobbing ausgesetzt sehen, sollten allen ein Alarmsignal sein, der
Politik, den Eltern, den Schulen.

Aber Schulen müssen die Möglichkeit haben, individuelle,
alters- und bedarfsgerechte Wege gehen zu können, um dem Problem begegnen zu
können. Einer davon könnte beispielsweise sein, Smartphones in der Unterstufe zu
verbieten, in der Mittelstufe die Schülerinnen und Schüler zu verpflichten,
Handys in sogenannten
Handyhotels wegzuschließen und in der Oberstufe eine eigenverantwortliche
Nutzung zu erlauben.

Vergleichbare Vereinbarungen zum Handyumgang sind längst Schulalltag.
Es
gibt Schulen, die ihre Schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit
ihre Smartphones wegsperren lassen, die nur im Notfall eine Nutzung vor Schulsekretariaten
erlauben, die handyfreie Zonen auf ihren Schulgeländen abstecken.

Ausbaden müssen eine solche Politik der Pauschalverbote sonst die Lehrerinnen
und Lehrer. Denn wer sonst soll
Taschen kontrollieren, wer Schülerinnen und Schüler zurechtweisen, die doch ihr
Smartphone (oder
ihre Smartwatch) mitbringen, wer besorgte Eltern beruhigen? Das sind letztlich die Lehrkräfte. 

Der Deutsche
Lehrerverband hat sich zu solchen Verboten bereits vor zwei Jahren eindeutig
positioniert, er lehnt vergleichbare Pläne ab – einfach weil der Verband sie für schlicht nicht durchsetzbar hält. “Ein
flächendeckendes Komplettverbot führt nur zu Umgehung und in der Folge zur
Drangsalierung junger Menschen”, sagte damals Verbandspräsident Stefan Düll.
Zumal
die Studienlage zu der Frage, ob ein Smartphoneverbot zu weniger Ablenkung
führt, weit weniger klar ist, als es die Politik vielleicht manchmal gern hätte.

Ein Totalverbot ignoriert zudem die Realität des
Schulalltags, wo sich heutzutage sowohl Lehrerinnen und Lehrer als auch Schülerinnen
und Schüler per App über Unterrichtsausfälle oder kurzfristige Vertretungen
informieren oder das Handy zum Recherchieren in der Schulstunde nutzen. Darauf
hat auch die deutsche Bundesschülerkonferenz verwiesen, als der hessische
Kultusminister Armin Schwarz (CDU) Ende vergangenen Jahres in
Deutschland ein bundesweites Handyverbot an Schulen ins Spiel gebracht hatte.

Ein digitaler Unterricht sei an
einigen Schulen ohne Smartphones aufgrund der mangelnden digitalen Infrastruktur
gar nicht machbar, argumentierten die Schülerinnen und Schüler. Das mag in
Dänemark, das als Vorreiter in Sachen Schuldigitalisierung gilt, anders sein. Die
Schülerinnen und Schüler der Bundesschülerkonferenz drückten aber auch ihre
Sorge aus, dass unter einem bundesweiten Verbot das Vermitteln von
Medienkompetenz leiden könnte – etwa im Hinblick auf “die Suchtpotenziale der
digitalen Welt” als auch im Umgang mit personenbezogenen und privaten Daten. Zumal die Schule für einige oft der einzige Ort ist, wo sie genau das lernen können, weil es ihnen ihre Eltern zu Hause nicht beibringen können.

Statt ständig über noch rigorosere Smartphone-Verbote
zu diskutieren, sollten wir endlich darüber debattieren, wie ein medienpädagogisch
sinnvoller digitaler Unterricht aussehen soll. Studien,
die zeigen, wie rapide die digitalen Kompetenzen von Achtklässlern nachgelassen
haben, sollten uns genauso Anlass
zur Sorge sein wie solche, die
die problematische Smartphonenutzung Heranwachsender thematisieren. 

Das
heißt nicht, dass man den Umgang mit Handys an Schulen nicht sinnvoll
regulieren sollte. Schulen sind gut beraten, sich zu überlegen, welche Regeln sich im Umgang mit den Smartphones ihrer Schülerinnen und Schüler finden lassen. Aber wie das geschieht, darf nicht von der Politik diktiert
werden, sondern muss von Schülern, Eltern und Lehrern ausgehandelt werden. Denn
Interesse an gutem Unterricht haben alle.