Wer repräsentiert uns die nächsten Jahre in Berlin?

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Illustration: Sarah Wehrlin




Konstituierende Sitzung

Die Gesichter des neuen Bundestags

Von Tim Niendorf (Text), Jens Giesel (Grafik) und Claudia Bothe (Grafik)
25. März 2025



Gauland, Gysi, Klöckner, Hoß – viele Männer, weniger Frauen. Wer repräsentiert uns die nächsten Jahre in Berlin? Ein Überblick.






Noch haben sich Union und SPD nicht auf eine Koalition geeinigt. Aber alles sieht danach aus, dass Schwarz-Rot auf die Ampel folgt. An diesem Dienstag konstituiert sich schon einmal der neue Bundestag – gut einen Monat nach der Neuwahl. 

Wer sind die 630 Abgeordneten, die das Land, die Bürger, das Volk in den nächsten Jahren repräsentieren sollen? Unsere Grafik zeigt die Gesichter des Bundestags, wie alt die Abgeordneten sind, welches Geschlecht sie haben und aus welchen Berufsgruppen sie stammen. 




Luke Hoß – der Jüngste 

Erst 23 Jahre alt und schon Volksvertreter: Unter allen Abgeordneten des neuen Bundestags ist Luke Hoß der jüngste.  






Hoß möchte sich nach eigener Aussage für hohe Löhne und Renten sowie niedrige Mieten einsetzen. Großgezogen hat ihn und seinen Bruder seine alleinerziehende Mutter. „Die hat teilweise auf Essen verzichten müssen am Ende des Monats“, wie Hoß dem Bayerischen Rundfunk sagte. Im Parlament wolle er dementsprechend die Perspektive derjenigen einbringen, die wenig Geld haben. Von seinem Abgeordnetengehalt (11.000 Euro im Monat) will er nur 2500 Euro behalten, den Rest will er seiner Partei und Menschen mit geringem Einkommen überlassen. 

Alexander Gauland – der Älteste 

Er hatte eigentlich angekündigt, nicht wieder für den Bundestag kandidieren zu wollen. Dann tat er es doch. Jetzt ist der AfD-Politiker mit 84 Jahren der älteste Abgeordnete des Parlaments.  








Um Gauland, der dem Bundestag erst seit siebeneinhalb Jahren angehört, ist es zuletzt ruhiger geworden. Das war mal anders. So geriet er 2018 etwa mit einer Aussage über die NS-Zeit in die Kritik, als er sagte „Hitler und die Nazis“ seien „nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ gewesen. Im Jahr zuvor hatte er darüber fabuliert, die damalige Integrationsministerin Aydan Özoğuz „in Anatolien entsorgen“ zu können. Über die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte er einmal, die AfD wolle sie „jagen“, und über den früheren schwarzen deutschen Fußballnationalspieler Jérôme Boateng behauptete Gauland, die Leute wollten „einen Boateng nicht als Nachbarn haben“. 

Geschadet hat ihm das in seiner Partei nicht. Im Gegenteil, seit 2019 ist er Ehrenvorsitzender der AfD. 

Gregor Gysi – der Alterspräsident 






Julia Klöckner – die Bundestagspräsidentin 

Dass sie große Ambitionen hegt, war immer klar. Nun soll Julia Klöckner das zweithöchste Staatsamt in Deutschland bekommen – und als Bundestagspräsidentin das Parlament leiten. Formal steht sie dann unter dem Bundespräsidenten und noch über dem Bundeskanzler. 






Gleich zwei Mal – 2011 und 2016 – hatte Klöckner zuvor als Spitzenkandidatin der CDU ihr Ziel verfehlt, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zu werden. Ihre Konkurrentin der SPD, Malu Dreyer, war bei den Wählern deutlich beliebter. Dabei versucht Klöckner, die Mitte der neunziger Jahre Deutsche Weinkönigin war, sich im Bürgerkontakt nahbar zu zeigen.  

Im Bundestag wird sie für Ordnung sorgen müssen. Tagespolitisch äußern wird sie sich aufgrund ihres Amtes vermutlich künftig nicht mehr. 

Deutlich mehr Männer als Frauen 

Der Frauenanteil im Bundestag stagniert, von leichten Schwankungen abgesehen, seit der Jahrtausendwende bei etwa einem Drittel. Mit der Neuwahl sank er sogar etwas auf 32,4 Prozent. 




Das liegt vor allem an den beiden stärksten politischen Kräften, der Union und der AfD. Sie weisen mit 23,1 beziehungsweise 11,8 Prozent den geringsten Frauenanteil im Parlament auf. Die Grünen und die Linke sind die einzigen politischen Kräfte, die mehr weibliche als männliche Abgeordnete stellen. Da es sich um die beiden kleinsten Fraktionen handelt, wirkt sich das auf die Gesamtbilanz kaum aus. 




In der Union gab es zuletzt Kritik am geringen Frauenanteil. Einige Abgeordnete fordern, jedes zweite Spitzenamt müsse mit einer Frau besetzt werden. Eine solche Quote will der Unionsfraktionsvorsitzende Friedrich Merz nicht, wohl aber verspricht er in seinem Kabinett einen höheren Frauenanteil als in seiner Fraktion. 

Nur etwas älter als die Bevölkerung 

Um zur Bundestagswahl aufgestellt zu werden, muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Das führt indirekt dazu, dass manche Generationen im Parlament einen größeren Anteil haben als in der Bevölkerung. 




Die Altersklassen über 65 Jahre sind hingegen im Bundestag seltener anzutreffen als in der Bevölkerung. Der Grund ist einfach: Wer alt ist, genießt meist lieber seinen Ruhestand. Die Rentenpolitik spielt dennoch eine große Rolle, weil die Wähler immer älter werden. 

Insgesamt gleicht sich das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung immer mehr dem Durchschnittsalter der Abgeordneten an. Grund dafür ist der demographische Wandel. 




Die älteste Fraktion stellt die AfD mit einem Durchschnittsalter von 50,7 Jahren, die Fraktion der Linken ist die jüngste mit 42,2 Jahren im Schnitt. 




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Immer mehr Abgeordnete mit Migrationsgeschichte 

Der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund ist in den vergangenen Jahren von 5,9 auf 11,6 Prozent gestiegen, wie der „Mediendienst Integration“ ermittelt hat. Das ist immer noch deutlich niedriger als der entsprechende Anteil in der Bevölkerung, der bei rund 30 Prozent liegt.  




Der Unterschied erklärt sich unter anderem dadurch, dass nur gewählt werden darf, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Jedoch ist auch auffällig, dass manche Fraktionen einen deutlich höheren Anteil an Abgeordneten mit Migrationshintergrund haben als andere. 

Grundsätzlich gilt jemand als Person mit Migrationshintergrund, wenn man selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. 






Die Zahl der Abgeordneten ist jetzt gedeckelt 

Vorbei sind die Zeiten, als der Bundestag aufgrund von Überhang- und Ausgleichsmandaten immer größer wurde. Durch eine Wahlrechtsreform der Ampelregierung ist die Zahl der Abgeordneten auf 630 gedeckelt. Direktmandate müssen nun durch Zweitstimmen abgesichert sein. Gewinnt eine Partei mehr Direktmandate, als ihr durch den Anteil der Zweitstimmen zustehen, entfallen die Direktmandate mit den niedrigsten Stimmenanteilen. 




Weil dadurch nicht mehr alle Wahlkreissieger in den Bundestag einziehen, ist die Union mit der neuen Regel unzufrieden. Sie will daher gemeinsam mit der SPD erörtern, ob das Wahlrecht noch einmal geändert werden kann.