Herr Martínez, Sie sind Biologe und haben der Welt gerade einen Einblick in eine bislang völlig unbekannte Welt gegeben. Wie kam es dazu?
Wir waren mit dem Forschungsschiff Falkor (too) in der Antarktis, um dort die Lebensgemeinschaften am Meeresboden zu erforschen. Wir hatten diese Expedition zum Teil seit mehreren Jahren geplant. Als wir in dem Gebiet, der Bellingshausensee vor der Westantarktischen Halbinsel, angekommen waren, haben wir über Satellitenaufnahmen aber gesehen, dass der Eisberg A84 abgebrochen war – und begonnen hatte, zu driften.
Eine riesige Eisscholle, die sich vom kontinentalen Eis der Antarktis gelöst hatte …
Es ist ein gewaltiger Tafelberg, 20 mal 30 Kilometer groß. Es ist Eis, das sich in Jahrtausenden durch den herabfallenden, sich mit der Zeit immer mehr verdichtenden Schnee gebildet hat – also eine Hunderte Meter dicke Eisschicht, durch die kein Licht hindurch dringen kann. Dieses Eis ist am Kontinent gebunden, wird aber langsam auf das Meer hinausgeschoben. Irgendwann brechen diese Eisplatten dann ab – und schwimmen mit der Strömung vom Kontinent weg. Als wir gesehen haben, dass das bei A84 passiert ist, haben wir uns entschieden, so schnell wie möglich hinzufahren und unseren Tauchroboter Subastian loszuschicken.
Damit haben Sie einen Teil ihrer Forschungsprojekte praktisch über Bord werfen müssen. Bestand unter den mitfahrenden 26 Forschern direkt Einigkeit?
Wir haben kurz darüber diskutiert, aber es war allen klar: „Das ist eine einmalige Gelegenheit!“
Aber dies war doch nicht der erste Blick unter das Schelfeis …
Nein. Ich war selbst auch schon auf einer Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff Polarstern unterwegs. Aber damals sind wir erst eineinhalb Jahre nach dem Wegdriften des Eises an Ort und Stelle angekommen. Diesmal waren wir sofort da, unmittelbar.


Erinnern Sie sich noch an das erste Bild, das der Tauchroboter an Deck geschickt hatte?
Natürlich. Wir haben dort einen sehr großen Schwamm gesehen, und darauf saß eine recht große Seespinne. Wir dachten sofort: „Oh Gott, es gibt so großes und gut entwickeltes Leben dort!“ Denn dass wir diese großen Lebewesen dort gesehen haben, bedeutet, dass sie dort auch schon sehr lange leben. Im kalten Wasser der Antarktis wachsen Organismen ja sehr langsam. Wir haben in der Tiefe zum Beispiel einen Glasschwamm gesehen, der eine Höhe von einem Meter hatte. Ohne mich genau festlegen zu können – 50 Jahre alt wird der schon gewesen sein.
Dass die dunkle Tiefsee vor Leben überquillt, ist kein Geheimnis. Warum haben Schwamm und Seespinne unter dem Eis Sie dennoch so überrascht?
Wir sind bislang davon ausgegangen, dass das Leben im antarktischen Meer vor allem auf der Primärproduktion der Algen basiert: Sie können Sonnenlicht in für andere Organismen verwertbare Stoffe wie Zucker umwandeln. Durch das mächtige Schelfeis gelangt aber keine Sonne, also dürfte es hier kaum Nahrung geben. Das war unsere Vorstellung. Die Organismen, die wir gefunden haben, haben uns aber eines Besseren belehrt: Ganz offenbar gelangen durch die Strömung und vielleicht auch von Bakterien, die Mineralien in verwertbare Stoffe umwandeln können, genügend Nährstoffe ins Wasser. Und da das Wasser der Antarktis nicht wie andere Meere in verschiedene Temperaturschichten gegliedert ist, scheint die gesamte Wassersäule sehr nährstoffreich zu sein.
Was haben Sie in dieser bislang unbekannten Welt noch gefunden?
Wir haben den Roboter zu vielen Tauchgängen losgeschickt. Er hat Videos und Bilder von einem sehr arten- und individuenreichen Ökosystem aufgenommen. Es gab viele Glasschwämme, Schlangensterne, Seesterne. Auf dem Sediment gab es Krebse, Krabben und Cephalopoden, also Oktopusse. An felsigen Stellen wuchsen Korallen und weitere Schwämme. Und es gab sie in allen Größen, also es waren wirklich alte Exemplare dabei! Die Artenvielfalt, die wir gesehen haben, war mindestens so reich wie an eisfreien Regionen des antarktischen Kontinentalschelfs.


Sie sind drei Wochen geblieben und haben Proben genommen und Videoaufnahmen gemacht. Konnten Sie während dieser Zeit bereits erste Veränderungen erkennen?
Wir waren nur zwei Wochen lang dort, so schnell verändert sich das nicht. Die Lebewesen, die wir gesehen haben, leben ja in einer Tiefe von mehreren Hundert Metern – da dringt ohnehin kein Sonnenlicht hin. Aber wahrscheinlich wird sich etwas ändern.
Was ist mit anderen Tieren, Walen, Pinguinen – die nun plötzlich in diese Region schwimmen können?
Pinguine haben wir wenig gesehen, aber Krabbenfresser-Robben waren dort. Und viele Wale, die sind praktisch mit uns dorthin geschwommen. Da sie aber vor allem da waren, wo das Meer nur 200 bis 300 Meter tief war, gehe ich davon aus, dass sie dem Krill, ihrer Nahrung, gefolgt sind. Der hält sich auch über solchen eher flachen Bereichen auf.
Sie haben nun Videoaufnahmen und Proben aus der Bellingshausensee. Was machen Sie nun damit?
Wir versuchen, die Arten zu bestimmen, im Idealfall auf genetischer Ebene. So wollen wir herausfinden, ob es einen Austausch zwischen der Antarktis und dem relativ nahen Südamerika gibt.