Hunderttausende demonstrieren in Istanbul gegen Erdoğan

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In der Türkei haben sich am Samstag zu den Protesten der Opposition in Istanbul gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan hunderttausende Menschen versammelt. Die Menschen kamen zusammen, um nach der Inhaftierung des Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu am 19. März für den Erhalt der Demokratie in der Türkei zu demonstrieren. Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Özgur Özel, sprach bei der Kundgebung sogar von mehr als zwei Millionen Teilnehmern.

Am Morgen waren die Demonstrierenden auf von der CHP gecharterten Fähren über den Bosporus zum Versammlungsort gefahren. Viele trugen türkische Flaggen und Porträts von Republik- und CHP-Gründer Mustafa Kemal Atatürk. „Taksim ist überall, Widerstand ist überall”, riefen die Regierungsgegner in Anspielung an die regierungskritischen Massenproteste auf dem gleichnamigen Platz in Istanbul im Jahr 2013.

Die CHP hatte zu der Großdemonstration aufgerufen. Özel sagte der französischen Zeitung „Le Monde”, von jetzt an solle es regelmäßige Proteste geben – „jeden Samstag in einer türkischen Stadt” und jeden Mittwoch in Istanbul.

Ein Drohnenfoto von Hunderttausenden, die gegen die Inhatierung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu demonstrieren.
Ein Drohnenfoto von Hunderttausenden, die gegen die Inhatierung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu demonstrieren.Reuters

İmamoğlu wird von der türkischen Justiz unter anderem Korruption vorgeworfen. Am 23. März ordnete ein Gericht Untersuchungshaft gegen ihn an, wenig später wurde er als Bürgermeister von Istanbul suspendiert. Der beliebte Oppositionspolitiker gilt als größter innenpolitischer Rivale Erdoğans. Seine linksnationalistische CHP kürte ihn trotz seiner Inhaftierung zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2028.

Zunehmende Repressionen des Staates

Das Vorgehen gegen İmamoğlu hat die größte Protestwelle in der Türkei seit 2013 ausgelöst. Die Behörden sprachen Versammlungsverbote aus und gehen mit zunehmender Härte gegen die Demonstrationen und gegen Medien vor. Nach Angaben des Innenministeriums wurden inzwischen fast 2000 Menschen festgenommen.

Am Freitagabend ist wegen Terrorvorwürfen zudem ein schwedischer Journalist in der Türkei festgenommen worden. Die Behörden beschuldigen ihn der Mitgliedschaft in einer bewaffneten terroristischen Organisation sowie der Beleidigung von Staatspräsident Erdoğan. Das berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Kaj Joakim Medin, der für die schwedische Tageszeitung „Dagens ETC“ arbeitet, war kurz nach seiner Landung in Istanbul am Donnerstag festgenommen worden, wie die Zeitung zunächst berichtete. Später wurde er offiziell verhaftet, nachdem er per Videokonferenz vor einem Gericht in Ankara erschienen war, berichtete Anadolu am Freitagabend weiter. Schon am Freitagmorgen wurden zwei Journalistinnen in der Türkei festgenommen.