Südkorea denkt über Atomwaffen nach

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Südkorea zweifelt am amerikanischen Nuklearschirm. Welche Optionen hat das Land nun? Und wie könnte die internationale Gemeinschaft auf nukleare Ambitionen reagieren?

Die USA sind der wichtigste Verbündete Südkoreas und versichern, das Land gegebenenfalls mit Atomwaffen zu verteidigen.

Die USA sind der wichtigste Verbündete Südkoreas und versichern, das Land gegebenenfalls mit Atomwaffen zu verteidigen.

Kim Jae-Hwan / Imago

Donald Trump hat in wenigen Wochen seiner zweiten Amtszeit mehrere Grundprinzipien der amerikanischen Aussen- und Sicherheitspolitik ins Wanken gebracht. Er umgarnt den alten Feind Russland und stellt alte Allianzen infrage.

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Trumps öffentliches Nachdenken darüber, ob die USA Verbündeten im Krisenfall beistünden, hat direkte Auswirkungen auf einen zentralen Aspekt der amerikanischen Sicherheitspolitik, den Trump so gar nicht explizit zur Sprache brachte: Amerikas nuklearen Schutzschirm.

Seit dem Kalten Krieg versichern die USA ihren Nato-Verbündeten und asiatischen Partnern wie Japan oder Südkorea, sie notfalls mit amerikanischen Atomwaffen zu verteidigen.

Trumps Äusserungen und Handlungen hätten zahlreiche Verbündete dazu gebracht, die Zuverlässigkeit des amerikanischen Nuklearschirms zu hinterfragen. So wird deshalb beispielsweise in Südkorea offen debattiert: Ist auf den amerikanischen Nuklearschirm noch Verlass? Oder wäre man mit eigenen Atomwaffen sicherer?

Südkoreas ballistische Raketen wären das wahrscheinlichste Trägersystem für eine Atombombe.

Südkoreas ballistische Raketen wären das wahrscheinlichste Trägersystem für eine Atombombe.

Kim Jae-Hwan / Imago

Bei Südkorea sind zwei von drei Bedingungen gegeben

Für eigene Atomwaffen braucht ein Land drei Dinge: den politischen Willen, ein Trägersystem, mit dem die Bombe eingesetzt werden kann, und das spaltbare Material zum Bombenbau.

Gegenwärtig sprechen sich in Meinungsumfragen zwischen 65 und 75 Prozent der Befragten für ein südkoreanisches Atomwaffenprogramm aus. «In einem sonst gespaltenen Land scheint die Idee über das gesamte politische Spektrum hinweg auf Anklang zu stossen», sagt Joel Petersson-Ivre. Er ist Experte beim Asia-Pacific Leadership Network in Seoul, das sich mit der Nichtverbreitung von Atomwaffen beschäftigt.

Der politische Wille scheint in Südkorea also gegeben. Zudem sind sich Experten einig, dass das Land über ballistische Raketen verfügt, die sich rasch für eine nukleare Bewaffnung umrüsten liessen. Was Südkorea gegenwärtig noch fehle, sagt Petersson-Ivre, sei genügend spaltbares Material für eine Atombombe.

Nun sind für Südkorea drei Szenarien vorstellbar.

Näher an die Bombe, ohne sie zu entwickeln

Südkorea verfügt über eine grosse zivile Nuklearindustrie.

Südkorea verfügt über eine grosse zivile Nuklearindustrie.

Kim Hong-Ji / Reuters

Das wahrscheinlichste Szenario besteht darin, dass Südkorea versucht, seine «nukleare Latenz» weiter zu erhöhen. Unter «nuklearer Latenz» verstehen Experten das Potenzial eines Staates, Atomwaffen zu entwickeln. Je höher die Latenz, desto kürzer ist die Breakout-Time, die Zeit also, die ein Staat braucht, um Atombomben zu bauen.

Südkoreas nukleare Latenz ist schon länger beträchtlich. Vor zwei Jahren nutzte der damalige Präsident Yoon Suk Yeol diesen Umstand, um von US-Präsident Joe Biden Zugeständnisse auszuhandeln. In der Folge erhielt Südkorea etwa einen noch genaueren Einblick in die amerikanischen Strategien und Pläne im Falle eines nordkoreanischen Angriffs.

Mittlerweile spricht sich beispielsweise der Oppositionspolitiker Wi Sung Lac von der Democratic Party dafür aus, dass Südkorea seine nukleare Latenz erhöht. Wi wird als allfälliger Aussenminister in einer nächsten Regierung gehandelt. Und Petersson-Ivre sagt, «dass sich ein hochrangiger progressiver Politiker für die nukleare Latenz ausspricht, ist beispiellos und zeigt, dass die Atomdebatte im Mainstream angekommen ist».

Wollte Südkorea einem Nukleararsenal näher kommen, ohne es aber zu bauen, müsste es seine Kapazitäten zur Wiederaufbereitung von Brennstäben aus seinen AKW erhöhen. Denn im Wiederaufbereitungsprozess wird Plutonium abgespaltet, das für Atomwaffen genutzt werden kann. Und aus mehr Aufbereitungskapazität könnte dementsprechend mehr waffenfähiges Plutonium hervorgehen.

Heimliche Entwicklung

Nordkorea testet regelmässig ballistische Raketen, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden könnten.

Nordkorea testet regelmässig ballistische Raketen, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden könnten.

KCNA via Reuters

Ein zweites Szenario wäre, dass Südkorea ein klandestines Atomwaffenprogramm beginnt. Eine solche Möglichkeit haben Hanns Günther Hilpert und Oliver Meier einst für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) skizziert: Südkorea strengt ein geheimes Nuklearprogramm an. Dann gibt das Staatsoberhaupt den Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag bekannt. Begründet wird der Schritt mit der anhaltenden nuklearen Aufrüstung Nordkoreas. Wenig später beweist Südkorea seine nuklearen Fähigkeiten mit einem unterirdischen Atomtest.

Petersson-Ivre bezweifelt indes, dass es Südkorea gelänge, das Programm vor der Internationalen Atomenergie-Organisation und ausländischen Nachrichtendiensten geheim zu halten.

Öffentliche Ankündigung und nationaler Notstand

Das fortwährende Aufrüsten Nordkoreas wird in Südkorea mit Unbehagen registriert.

Das fortwährende Aufrüsten Nordkoreas wird in Südkorea mit Unbehagen registriert.

Kim Hong-Ji / Reuters

Eine dritte, deutlich unrealistischere Möglichkeit wäre, dass Südkorea den Beginn seines Atomwaffenprogramms öffentlich bekanntgibt. Das würde es der südkoreanischen Regierung ermöglichen, weitreichende Ressourcen auf das Programm zu fokussieren.

Ein emeritierter Professor für Nukleartechnologie sagte kürzlich gegenüber der «Financial Times», rudimentäre Atombomben, wie sie die USA gegen Hiroshima und Nagasaki eingesetzt hatten, könne Südkorea innerhalb von drei Monaten bauen. Und ein südkoreanischer Experte schätzte an selber Stelle, wenn es einen nationalen Notstand ausrufen würde, könne Südkorea in etwa zwei Jahren Atomwaffen bauen.

Uno-Sicherheitsrat könnte weitreichende Sanktionen beschliessen

Geht es darum, südkoreanische Schritte in Richtung Nuklearwaffen zu stoppen oder zu bestrafen, hängt vieles von den USA ab. Zunächst einmal könnte Trump wie vor ihm Biden versuchen, die Südkoreaner zu beschwichtigen und ihnen Zugeständnisse zu machen.

Joel Petersson-Ivre.

Will Südkorea seine nukleare Latenz erhöhen, könnten die USA wahrscheinlich gegensteuern. Im zivilen nuklearen Bereich arbeiten die beiden Länder eng zusammen, die USA haben grossen Einfluss auf die südkoreanische Nuklearindustrie. Diese Zusammenarbeit ist durch das sogenannte 123 Agreement geregelt. Laut Petersson-Ivre begrenzt die Vereinbarung Südkoreas Möglichkeiten zur Anreicherungs- und Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass Südkorea tatsächlich ein geheimes oder offenes Atomwaffenprogramm anstrebt, rechnet Petersson-Ivre mit einer deutlichen Reaktion der USA und der internationalen Gemeinschaft: «Das hätte harte Strafen der USA zur Folge.» Man würde Südkorea etwa aus der Gruppe der Kernmaterial-Lieferländer ausschliessen, was den zivilen Nuklearsektor Südkoreas enorm träfe. Ein Drittel des südkoreanischen Stroms wird in Atomkraftwerken produziert, und das Land exportiert seine Nukleartechnologie in andere Länder.

Jenseits der USA sind etwa weitreichende Wirtschaftssanktionen Chinas, des wichtigsten Handelspartners von Südkorea, aber auch europäischer Länder denkbar. Und möglicherweise einigte die Gefahr eines nuklear bewaffneten Südkoreas zum ersten Mal seit langem die USA, China und Russland. Dann könnte der Uno-Sicherheitsrat Sanktionen beschliessen, die für alle Uno-Mitglieder bindend sind.

Ein südkoreanisches Atomprogramm würde die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel zusätzlich verschärfen.

Ein südkoreanisches Atomprogramm würde die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel zusätzlich verschärfen.

Seokyong Lee / Imago

Es braucht Überzeugungsarbeit und Druck

In Südkorea ist man sich derweil der möglichen Folgen eines Atomprogramms bewusst. Meinungsumfragen beinhalten deshalb schon Fragen dazu, ob man eine südkoreanische Bombe trotz einer durch Sanktionen verursachten Wirtschaftskrise befürworte. Und selbst dann wären mittlerweile schon über ein Drittel der Befragten für eine nukleare Bewaffnung, Tendenz steigend.

Die Debatte in Südkorea läuft Trumps Zielen direkt zuwider. Ist er doch seine zweite Amtszeit mit dem Ziel angetreten, die weltweiten Verpflichtungen der USA zu verringern. Die Trump-Regierung sollte solche Gedankenspiele seiner Verbündeten stoppen. Schliesslich wäre jedes Land, das daran gehindert werden muss, nach Atomwaffen zu streben, für die USA eine Verpflichtung mehr und nicht weniger.