Autokonzerne in der Zange
Seit dem Amtsantritt von Donald Trump zerbrechen sich Krisenstäbe in deutschen Autokonzernen den Kopf darüber, wie sie mit Handelsschranken umgehen können. BMW hat im vergangenen Jahr knapp 400.000 Autos in den Vereinigten Staaten ausgeliefert. Etwa jedes fünfte Auto verkauften die Münchner auf dem US-Markt. Ungefähr gleichauf liegt der Amerika-Anteil des Rivalen Mercedes. Und auch für Audi und Porsche, die zum Volkswagen-Konzern gehören, hat der amerikanische Markt viel Gewicht, während sich die Stammmarke VW dort schwertut und zuletzt viel Geld investiert hat, um den Absatz zu steigern.
Im Vorteil ist, wer schon im großen Stil vor Ort produziert und damit zumindest ein Stück weit den neuen Zöllen entgeht. Mercedes betreibt seit Mitte der neunziger Jahre in Tuscaloosa, Alabama, ein Werk und stellt dort SUV-Modelle wie GLE und GLS her. Auch hier stellen sich aber Fragen, denn viele Bauteile – etwa Motoren und Getriebe – kommen aus Europa. Gelingt es nicht, die Belastung durch Preiserhöhungen aufzufangen, könnten die Zölle Mercedes zwischen zwei und drei Milliarden Euro kosten – etwa ein Viertel des angestrebten operativen Gewinns, schätzen Analysten.
BMW wiederum ist seit drei Jahrzehnten in Spartanburg, South Carolina, aktiv. Mit rund 225.000 Autos im Wert von zehn Milliarden Dollar sieht sich BMW als größter Autoexporteur der Vereinigten Staaten. VW dagegen produziert erst seit 2011 in Chattanooga, Tennessee. Der größte Teil der Autos für den US-Markt kommt aus Mexiko, und Audi und Porsche haben bisher gar keine Werke in den USA.
Wegen der Unberechenbarkeit Washingtons werde die deutsche Branche dem US-Markt in Zukunft eher weniger Beachtung schenken, „also gerade nicht mehr investieren wie von Trump erhofft“, glaubt Jürgen Pieper, ein Automobilfachmann. Doch können sich die Unternehmen das leisten, wenn gleichzeitig auch in China die Marktanteile schwinden? VW jedenfalls investiert weiter und will bald ein neues Werk für die wiederbelebte Traditionsmarke Scout eröffnen. Gleichzeitig hoffen manche im Konzern, dass man dem „Dealmaker“ Trump auch Zugeständnisse abringen könne. Vor weiteren Investitionen wolle man über Zölle reden, also etwa Ausnahmen erwirken, heißt es. Christian Müßgens
Die Chemie ist stark verzahnt
Für die deutschen Chemieunternehmen ist die Europäische Union der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt. Mehr als 50 Prozent aller Chemikalien wandern sozusagen in die direkte Nachbarschaft. Erst mit einigem Abstand folgen die Vereinigten Staaten. Von den Gesamtexporten der chemischen Industrie in Höhe von 139 Milliarden Euro gingen im Vorjahr konkret 10,2 Milliarden Euro oder 7,3 Prozent nach Amerika. Damit importieren die Amerikaner in etwa so viel Chemikalien aus Deutschland wie die Niederlande oder Frankreich. Die Einfuhren aus Amerika waren mit 7,6 Milliarden Euro deutlich geringer als die Exporte, der Saldo für Deutschland also positiv.
Der transatlantische Handel sei stark verzahnt, oft innerhalb derselben Branche oder sogar desselben Unternehmens, schreibt der Branchenverband VCI. „Waren wechseln zum Teil mehrfach die Seite des Atlantiks.“ Die Außenhandelsbilanz hat sich in den vergangenen zehn Jahren nach VCI-Zahlen zugunsten von Deutschland sogar noch verbessert. Der Export sei in dem Zeitraum jährlich um fast 6 Prozent gewachsen, der Import um knapp 4 Prozent. Im US-Handel entfalle der Hauptteil der Produkte in die Kategorie der Fein- und Spezialchemikalien. Gehandelt würden aber auch Kunststoffe und Basischemikalien.
Zugleich ist Amerika für die chemische Industrie ein wichtiger Produktionsstandort. Viele Unternehmen haben ihr Engagement zuletzt ausgebaut: Neben günstigen Energie- und Rohstoffkosten lockten finanzielle Anreize des Staates. Nach Zahlen der Bundesbank sind 128 Tochtergesellschaften deutscher Chemieunternehmen in Amerika aktiv. Sie beschäftigten 53.000 Menschen und setzten zuletzt 65 Milliarden Euro um. Der VCI schätzt, dass die tatsächlichen Zahlen höher liegen. Im Vorfeld der Bekanntgabe der exakten Höhe der Zölle betonte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup, dass die USA in jedem Fall ein zentraler Handelspartner blieben. Eine Eskalation nutze niemandem. Brüssel müsse weiter flexibel agieren und im engen Dialog mit Washington bleiben. Bernd Freytag
Die Pharmabranche bangt gleich doppelt
Nach außen hin geben sich die Unternehmen trotz der satten Zoll-Drohungen von Donald Trump ruhig abwartend. Doch intern wächst die Nervosität. Die USA sind für deutsche Pharmaunternehmen der wichtigste Absatzmarkt. Im Jahr 2024 exportierten diese Waren im Wert von 27 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten. Dies war knapp ein Viertel der Exporte der Branche. Mehr als drei Viertel der Pharmaausfuhren in die USA entfallen dabei auf Impfstoffe und andere immunologische Erzeugnisse wie Medikamente, die monoklonale Antikörper enthalten. Außerdem sind die USA das wichtigste Zulieferland, wenn es um Vorprodukte für Herstellung von Medikamenten geht. Rund zwölf Prozent dieser Produkte kamen 2023 von dort.
Ein Handelskonflikt hätte daher erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Versorgung mit Medikamenten im Land, warnt die Pharmalobby. Auch aus diesen Gründen gibt es seit 30 Jahren keine Handelsschranken für Pharmazeutika mehr. Negative Auswirkungen für die Patienten sind das Kernargument der Branche gegen Zölle. Denn diese würden die Arzneimittelimporte kurzfristig verteuern, was sich in höheren Arzneimittelpreisen oder, wo Preisanpassungen nicht möglich sind, in einer schlechteren Verfügbarkeit von Therapien niederschlagen könnte.
Wie stark die Zölle die einzelnen Unternehmen treffen werden, hängt einmal davon ab, wie weit Trump die Handelsschranken zieht. Noch ist das völlig unklar. So hoffen gerade Generika- und Medizintechnikhersteller auf Ausnahmen für ihre Produkte, die für die Patientenversorgung an vorderster Stelle benötigt werden. Der VFA als Sprachrohr der forschenden Pharmaindustrie verweist dagegen auf patentgeschützte, innovative Arzneimittel, die Trump kaum ersetzen könnte.
Zum anderen spielt die Präsenz in den USA eine Rolle. Pharmariesen wie Boehringer Ingelheim, Bayer und Merck haben dort eigene Standorte, Tausende von Mitarbeitern und über die Jahre in die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten investiert. Damit sehen sie sich gerüstet und behalten weitere Vorkehrungen streng für sich. Hersteller ohne eigene Werke in den USA sind deutlich anfälliger. Dies gilt besonders für Hersteller von Nachahmerarzneien. Bork Bretthauer vom Pro-Generika-Verband weist auf die niedrigen Margen hin, die Hersteller zum Rückzug aus dem US-Markt zwingen könnten. Vanessa Trzewik
Die Krux mit dem Schrott
Im Bereich Stahl und Aluminium ist Donald Trump schon einen Schritt weiter als in anderen Branchen. Hier sind seit Mitte März Einfuhrzölle in Höhe von 25 Prozent in Kraft. Auch die Ausnahmen, die noch in der Amtszeit von Joe Biden für 81 Prozent der US-Stahl-Importe gewährt wurden, sind weggefallen. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen für Deutschland dürften sich dennoch in Grenzen halten, weil die USA kein so wichtiges Zielland für EU-Stahl- und -Aluminiumexporte sind.
Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat berechnet, dass für die EU-Wirtschaft kurzfristig ein Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts um nur 0,02 Prozent zu erwarten sei. Auch Deutschlands größter Stahlhersteller Thyssenkrupp gibt sich gelassen: Der Hauptmarkt für Thyssenkrupps Stahle sei Europa, der Export von Stahlprodukten in die USA mengenmäßig gering.
Mehr Kopfzerbrechen bereiten der Branche die indirekten Effekte. Es entstünden „erhebliche Mengenumleitungen“, befürchtet die Wirtschaftsvereinigung Stahl. Ähnlich äußert sich Thyssenkrupp. Es würde „den europäischen Markt nachhaltig schädigen“, wenn für die USA bestimmte Stahlexporte aufgrund der Zölle in beträchtlichem Umfang nach Europa umgeleitet würden, heißt es von dort. Wichtig sei es daher, „dass die europäischen Steel Safeguards kurzfristig an die neue Situation angepasst“ würden. Es brauche aber auch langfristige Maßnahmen.
Die deutsche Aluminiumindustrie äußert sich ähnlich. Die exportierten Mengen aus Deutschland in die USA seien zwar vergleichsweise gering, Umlenkungseffekte aus Drittstaaten in die EU jedoch zu befürchten. Der Branchenverband Aluminium Deutschland fordert die EU-Kommission zum Handeln auf, warnt aber vor einer handelspolitischen Eskalation.
In einem Punkt allerdings verlangt Verbandschef Rob van Gils, sofort aktiv zu werden: Schrotte sind von den Zöllen explizit nicht erfasst, jedoch an den Preis von Primäraluminium gebunden. Dies lasse die Schrottpreise in den USA deutlich ansteigen und mache es viel attraktiver, das Material in den USA anzubieten. In der Folge befürchten Recycler einen starken Abfluss von Aluschrott aus Europa – für sie ein wichtiges Rohmaterial.
Die Preisdifferenz zwischen EU und USA sei seit Ankündigung der Zölle extrem gestiegen und betrage nun mehrere Hundert Euro, heißt es von Aluminium Deutschland. „Die Unternehmen spüren den Engpass bereits“, sagt van Gils: „Wenn wir nicht sofort handeln, verschärft sich die Schrottknappheit dramatisch.“ Der Verband fordert deshalb, die Bundesregierung solle sich in Brüssel für Exportzölle auf Aluminiumschrotte in alle Drittstaaten einsetzen. Nadine Bös
Maschinenbauer selbstbewusst
Für den deutschen Maschinenbau geht es in der Zollfrage um viel. Unter seinen zahlreichen Exportmärkten sind die Vereinigten Staaten der größte. Dorthin gehen zwölf Prozent der gesamten Ausfuhr – die wiederum im Jahr 2024 ein Volumen von knapp 200 Milliarden Euro hatte. Der Branchenverband VDMA weiß aus Umfragen unter seinen Mitgliedern, dass zwei Drittel der Unternehmen von Zöllen betroffen wären. Die wenigsten deutschen Maschinen- und Anlagenbauer haben eine eigene Produktion in den USA, die sie vor Zöllen schützen würde. Die Branche ist mittelständig geprägt, etwas mehr als 200 Beschäftigte sind der Durchschnitt.
VDMA-Präsident Bertram Kawlath findet, dass der Zoll-Furor von Donald Trump bei klarem Verstand am deutschen Maschinenbau vorbeigehen müsste. Deutsche Unternehmen hätten zuletzt 1,8 Prozent Zoll für Exporte in die USA zahlen müssen, in umgekehrter Richtung seien es 1,4 Prozent gewesen. Sein Kommentar angesichts dieser Belastungen auf Augenhöhe: „Das Beste wäre es, beides würde abgeschafft.“ Strafzölle seien jedenfalls nicht zu begründen.
Natürlich weiß Kawlath, mit welchem Gegner es seine Branche zu tun hat. Aber er sagt, sie könne trotzdem „mit breiter Brust“ in diese Auseinandersetzung gehen. Die USA – nicht gerade ein Zentrum des internationalen Maschinenbaus – seien schlicht auf Importe angewiesen, weil dort viele Produkte gar nicht hergestellt würden. Kawlath nennt als Beispiel Getränkeabfüllanlagen. Seien auf diesem Feld Investitionen geplant, müssten sich amerikanische Unternehmen zwangsläufig in Deutschland oder anderen europäischen Ländern bedienen. Uwe Marx