Trumps Liberation Day: US-Zölle endeten nie gut

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Am Mittwochabend will US-Präsident Donald Trump umfassende Zollpläne für die ganze Welt vorstellen. Anscheinend feilt das Weiße Haus am 20-Prozent-Zollhammer. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Vereinigten Staaten haben seit ihrer Staatsgründung immer wieder mit hohen Zöllen auf Importe experimentiert, um heimische Industrien zu schützen. Und nie ging es gut aus.

Bis zum Bürgerkrieg, der im Jahr 1861 begann, bestritt die Bundesregierung ihren Haushalt zu grob 90 Prozent aus Zöllen auf Einfuhren. Ein Hauptgrund war aber nicht Protektionismus, sondern fiskalische Not. Zolleinnahmen waren leichter einzutreiben als Steuern. Klassische Verbrauchsteuern waren überdies unbeliebt, wie die sogenannte Whiskey-Rebellion den Politikern offenbart hatte.

1791 hatte der Kongress eine Verbrauchsteuer auf den Verkauf von Whiskey eingeführt, um Kriegsschulden zu tilgen und Straßen, Postämter und militärische Forts zu bauen. Bauern im Westen Pennsylvanias weigerten sich, die Steuer zu zahlen, und entfachten einen Aufstand, den Präsident George Washington niederschlagen ließ.

Den Versuch, mit Zöllen nicht nur Einnahmen zu generieren, sondern heimische Industrie vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, unternahm der Kongress im Jahr 1828 – mit einem Zoll von 38 Prozent auf fertige Waren und 45 Prozent auf Rohstoffe. Die Entscheidung zog eine Staatskrise nach sich. Großbritannien und andere europäische Länder konterten die Zölle, indem sie deutlich weniger Baumwolle und Tabak aus den USA kauften. South Carolina, dessen Baumwoll-Farmer besonders betroffen waren, forderte eine Annullierung des Zolls und drohte mit dem Austritt aus der Union. Präsident Andrew Jackson erreichte im Jahr 1833 einen Kompromiss, nachdem er South Carolina mit Krieg gedroht hatte. Doch der Riss war kaum zu kitten.

Verschiedene Handelsinteressen trennten Nord- und Südstaaten

Durch den Bürgerkrieg verschlechterte sich die Finanzlage der Bundesregierung, sodass sie begann, neue Verbrauchsteuern zu erfinden. Der Anteil der Zölle sank auf immer noch hohe 50 Prozent an den Staatseinnahmen.

Die Diskrepanz zwischen den Nord- und Südstaaten offenbarte sich aufs Neue im Jahr 1890. Damals setzte der einflussreiche Kongressabgeordnete aus Ohio William McKinley als Vorsitzender des mächtigen „Ways and Means“-Ausschusses eine kräftige Zollerhöhung auf durchschnittlich 49 Prozent auf nahezu alle importierten Waren durch. Das entsprach der Linie der Partei.

Gouverneur von Ohio, später Präsident der USA: William McKinley auf Wahlkampftour im Jahr 1896
Gouverneur von Ohio, später Präsident der USA: William McKinley auf Wahlkampftour im Jahr 1896AP

Die Republikaner hatten triftige Gründe: Sie kamen aus Amerikas jungen Industrieregionen Ohio, Illinois, New York, Massachusetts oder Pennsylvania. Die Produktionsstandorte litten besonders unter der Konkurrenz aus England, wo die industrielle Revolution früher Fahrt aufgenommen hatte, sagt Douglas Irwin, Wirtschaftshistoriker an der Dartmouth-Universität. Demokratische Politiker dagegen vertraten die Südstaaten, die Baumwolle und Tabak in die ganze Welt lieferten und deshalb dem Freihandel gewogen waren.

Die Folgen der hohen Zölle waren gravierend: Kanada und Deutschland belegten US-Agrargüter mit hohen Zöllen als Vergeltung. Die Preise für Textilien, Zucker und andere Güter in den USA wurden teurer wegen der direkten Folgen der Importzölle und weil amerikanische Produzenten die geringe ausländische Konkurrenz nutzten, um Preise zu erhöhen. Die Zölle trugen überdies zu einer Finanzkrise bei. Die Republikaner bekamen bei den nächsten Kongresswahlen die Quittung, überdies löste ein Demokrat den republikanischen Präsidenten ab.

Eine Zoll-Phase fasziniert Trump besonders

Es gab noch eine Folge, die überraschende Parallelen zu heute aufweist. Einige amerikanische Politiker spekulierten darauf, dass die Zölle Kanada so aushungern würden, dass sich das Land freiwillig annektieren lassen würde. Stattdessen suchte das Land die Nähe zu Großbritannien. McKinley selbst distanzierte sich später als Präsident von den hohen Zöllen, weil er sah, dass die amerikanische Industrie mit schnell wachsender Produktionskapazität auf ausländische Märkte setzte, die verschlossen blieben, solange die USA selbst hohe Handelsbarrieren aufrechterhielten.

Die Phase hatte Trumps Aufmerksamkeit geweckt, weil in ihr hohe Zölle und kräftiges Wirtschaftswachstum zusammenfielen. Laut Irwin heißt das aber nicht, dass der Zusammenhang kausal ist. Die Wirtschaftsdynamik ging eher auf die gewaltige Einwanderungswelle zurück. Wachstum beflügelnde Produktivitätsfortschritte verzeichnete eher der Dienstleistungssektor, der von Zöllen nicht geschützt wurde, so Irwin.

DSGVO Platzhalter

Nach einer Phase niedriger Zölle trat im Jahr 1930 das berüchtigte Smoot-Hawley-Gesetz in Kraft, das die Zölle auf Importe auf 59 Prozent im Schnitt erhöhte. Es war eine Reaktion auf den Börsencrash von 1929. Der Kongress verabschiedete ein Konjunkturpaket und das ultraprotektionistische Smoot-Hawley-Zollgesetz, in der Annahme, so könnte die amerikanische Industrie vor dem globalen Abschwung isoliert werden. Wie der Wirtschaftshistoriker Phil Magness notiert, entstand in Folge der Einflussnahme ungezählter Industrielobbyisten ein monströser Gesetzesentwurf, der die Zölle auf den höchsten Stand im Industriezeitalter anhob.

Das Gesetz stellte sich als fataler Fehler heraus. Amerikas Verbraucher, die ohnehin schon unter dem Abschwung litten, trugen die Kosten. Zudem löste der amerikanische Zoll nach Darstellung von Magness einen globalen Handelskrieg mit Vergeltungsmaßnahmen im Ausland aus. Der weltweite Handel brach Magness zufolge in den nächsten drei Jahren auf einen Bruchteil seines Niveaus von 1929 ein.

Europa sah die Zölle als feindseligen Akt Amerikas an. Die USA waren damals der größte Gläubiger von Schulden, die sich infolge des Ersten Weltkrieges angehäuft hatten. Mit den Zöllen beschränkten sie die Möglichkeiten der Länder, die laut Douglas Irwin verzweifelt versuchten, ihre Schuldenlast durch Exporterlöse abzutragen. Ökonomen sind sich heute einig, dass die damalige Weltwirtschaftskrise durch verfehlte Geldpolitik ausgelöst wurde, aber dass das Smoot-Hawley-Zollgesetz die Krise befeuert hatte, die später zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beitrug.

Trumps Spiel mit dem Feuer

Die Erfahrung führte nach dem Krieg zum Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT). Das multilaterale Abkommen hatte den Zweck, „die Zölle und andere Handelshemmnisse erheblich zu senken und die Präferenzen auf der Grundlage der Gegenseitigkeit und des beiderseitigen Nutzens abzuschaffen“. Die USA haben ihre Zölle von durchschnittlich 28 Prozent im Jahr 1900 auf drei Prozent gesenkt und zugleich Freihandelsabkommen vereinbart, die den Unternehmen die Sicherheit gaben, große Investitionen zu tätigen, sagt der Wirtschaftshistoriker Andrew Greenland.

Mit der Verhängung von Zöllen auf mexikanische und kanadische Importe verletzt Trump aber das unter seiner Führung ausgehandelte Freihandelsabkommen und damit die Investitionssicherheit. Am 2. April zieht er überdies einen Schlussstrich unter die Agenda der Zollsenkungen, die der Nachkriegszeit Aufstieg und Wohlstand gebracht hatte. Trump spricht vom „Tag der Befreiung“. Es ist ein Spiel mit dem Feuer.