Hunderte Menschen aus dem Gazastreifen sind laut einem israelischen Medienbericht am Dienstagabend von Israel nach Deutschland geflogen worden. Israels Innenminister Mosche Arbel sei eigens zum Regionalflughafen nahe Ramon in der Negev-Wüste gereist, schrieb die Zeitung „Israel Hayom“. Der Politiker von der ultraorthodoxen Schas-Partei sagte demnach, er sei gekommen, „um die Angelegenheit der freiwilligen Ausreise der Bewohner des Gazastreifens zu überwachen und zu überprüfen“. In dem Zeitungsbericht hieß es weiter, deutsche Diplomaten begleiteten die Passagiere.
Das Ziel des Sonderflugs war „Israel Hayom“ zufolge Leipzig. Auf der Website Flightradar24 wurde ein solcher Flug angezeigt, der am Abend in der deutschen Stadt landete. Durchgeführt wurde er von der Linie Sundair, einer deutschen Charterfluglinie, die üblicherweise weder Ramon noch Leipzig anfliegt.
„Sanierung des Gebiets“
Arbel sagte, in jüngster Zeit habe es zehn solcher Flüge in andere Länder gegeben. Er bedankte sich bei dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und bemerkte, die „freiwillige Ausreise“ ermögliche „die Sanierung des Gebiets“. Trump hatte Anfang Februar überraschend vorgeschlagen, alle oder einen Großteil der Bewohner des Gazastreifens vorübergehend oder dauerhaft in andere Länder umzusiedeln. Der Gazastreifen solle unter amerikanischer Aufsicht wiederaufgebaut werden und danach den Vereinigten Staaten „gehören“. Nach massiver Kritik, vor allem aus der arabischen Welt, stufte Trump seinen Plan zu einer Empfehlung herunter.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu griff den Vorschlag hingegen auf. Seither wird er von der israelischen Regierung propagiert, wobei eine angebliche Freiwilligkeit der Ausreise behauptet wird. Indessen ist der Gazastreifen seit anderthalb Jahren Kriegsschauplatz. Nach einer zweimonatigen Waffenruhe nahm die israelische Armee die Angriffe Mitte März wieder auf. In Israel werden immer wieder Stimmen laut, die für die Vertreibung der Bewohner des Gazastreifens werben. Medienberichten zufolge sind mehr als 100.000 der rund 2,3 Millionen Bewohner des Gebiets seit Kriegsbeginn im Oktober 2023 geflohen. Zudem sind laut Angaben aus Gaza mehr als 50.000 Menschen im Krieg getötet worden. Zudem blockiert Israel die Einfuhr von Hilfsgütern.
Israels Verteidigungsministerium richtete Ende März eine eigene Behörde für die „freiwillige Ausreise“ aus dem Gazastreifen ein. Sie soll die „sichere und kontrollierte Ausreise der Bewohner des Gazastreifens in Drittländer vorbereiten und ermöglichen“. Die Zeitung „Yedioth Ahronoth“ berichtete vor wenigen Tagen, dass die Zahl der Ausreisen aus Gaza in den vergangenen Wochen stark gestiegen sei. Das hänge mit der verstärkten Unterstützung durch Israel zusammen. Fast 2000 Menschen seien durch den Übergang Kerem Schalom ausgereist, entweder zum Flughafen Ramon oder weiter nach Jordanien.
Unklar waren am Dienstagabend Zahl und Identität der Passagiere an Bord des Flugs nach Leipzig. Laut Informationen der F.A.Z. handelte es sich um Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft sowie enge Familienangehörige von ihnen. Die Personenzahl soll im zweistelligen Bereich gelegen haben. Bislang war allerdings nicht bekannt, dass sich noch viele Deutsche im Gazastreifen aufhalten.
Das Auswärtige Amt bestätigte die Informationen der F.A.Z. In einem Eintrag auf der Plattform X am späten Dienstagabend hieß es, 19 deutsche Staatsangehörige sowie enge Familienmitglieder seien zurück nach Deutschland gebracht worden. Man bedanke sich bei den israelischen Behörden für die enge Zusammenarbeit. Die Angabe, Arbel habe der freiwilligen Ausreise von Bewohnern des Gazastreifens beigewohnt und Hunderte Menschen seien nach Deutschland ausgereist, wurde in dem Eintrag mit „das ist falsch“ kommentiert.