Wellensittiche können nicht nur Wörter von Menschen nachahmen. Forschende haben herausgefunden, dass ihr Gehirn dabei ähnlich wie das menschliche Gehirn funktioniert.
Wellensittiche besitzen ein Sprachzentrum, das dem des Menschen ähnelt. Ergebnisse einer entsprechenden Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Wellensittiche sind demnach die ersten Tiere, bei denen eine solche Ähnlichkeit im Sprachzentrum entdeckt wurde.
Stimmorgan von Vogel und Mensch unterscheidet sich deutlich
Wellensittiche sind als Haustiere weit verbreitet. In der Wildnis leben sie in sozialen Schwärmen und kommunizieren mit Lauten wie Zwitschern und Tschilpen. In Gefangenschaft pflegen sie sozialen Austausch, indem sie mitunter menschliche Sätze nachahmen. Ihr Wortschatz umfasst normalerweise bis zu hundert Wörter. Eine Ausnahme war der Wellensittich Puck, der in Kalifornien lebte. Er hält den Guinness-Weltrekord für sprechende Vögel, denn sein Wortschatz soll 1.728 Wörter umfasst haben.
Das Stimmorgan bei Menschen und Vögeln unterscheidet sich allerdings deutlich: Beim Menschen werden Töne im Kehlkopf mit den Stimmbändern erzeugt. Bei Vögeln werden durch den Luftstrom aus der Lunge vier Membranen in Schwingung versetzt.
Auch die Gehirne unterscheiden sich: Bei Menschen ist die Großhirnrinde für die Tonerzeugung verantwortlich, bei Vögeln ist es das entwicklungsgeschichtlich ältere Pallium. Das Pallium ist bei Vögeln für die kognitiven Funktionen verantwortlich und ähnelt der Hirnrinde von Säugetieren.
Gehirn von Papageien funktioniert ähnlich
Um zu verstehen, wie Wellensittiche das menschliche Sprechen nachahmen, implantierten die Forschenden winzige Sonden in das Gehirn von vier Wellensittichen. Damit zeichneten sie die neuronale Aktivität der Vögel auf, während sie sprachen und fanden heraus: Die Nervenaktivität bei den Wellensittichen beim “Sprechen” hat starke Ähnlichkeit zur neuronalen Aktivität beim menschlichen Sprechen.
Der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Ruhr-Universität Bochum erklärt diese Nervenaktivität so: “Die Art und Weise, wie mein Gehirn die Produktion von Lauten übernimmt, ist nicht so, dass es ein Neuron gibt für einen bestimmten Klang, sondern dass viele Neurone sich die Aufgabe aufteilen, Klänge zu erzeugen und somit im Grunde jeder Klang erzeugt werden kann.”
Michael Long, Co-Autor der Studie, vergleicht diesen Mechanismus mit einer ‘vokalen Tastatur’. Wie ein Pianist nach Noten spiele, kombinierten Wellensittiche verschiedene Laute: ein kurzes ‘tck’ oder ein langes ‘tchi-i’, Vokale und Konsonanten, hohe und tiefe Töne. So erzeugten Sittiche durch die Kombination der Laute vergleichsweise leicht komplexe Lautäußerungen.
Papageien sind kreativer als Zebrafinken
In der Studie zeige sich außerdem, dass andere Vogelarten – wie Zebrafinken – sprachlich nicht so talentiert sind wie Wellensittiche. Der Zebrafink benötigte mehr als 100.000 Übungsversuche, um ein festes Lied zu erlernen. Die Experimente der Forschenden haben gezeigt, dass das Gehirn dieser Vögel dabei ein festes Aktivitätsmuster bildet, indem es einen mühsamen Prozess des Ausprobierens und Fehlschlagens durchläuft. Im Gegensatz dazu können Sittiche – ähnlich wie Menschen – ihr vokales Verhalten schnell anpassen.
Onur Güntürkün erklärt diesen Unterschied so: “Bei Zebrafinken gibt es im Grunde eine relativ starre, wenig flexible Organisation von bestimmten Nervenzellen zu bestimmten Lauten. Und das ist eins zu eins zugeordnet.”
Menschen und Wellensittiche, so Güntürkün, könnten sich im Gegensatz dazu aus einer Art flexiblem Tonbaukasten bedienen. “Es gibt verschiedene Kombinatoriken von verschiedenen Nervenzellen, die jeweils einen Laut erzeugen. Und diese Kombinatoriken sind sehr flexibel, sodass der Wellensittich, wenn er in Deutschland lebt, vielleicht von seinem Besitzer lernen kann: Hallo Hansi, guten Morgen.”
Das bedeute aber nicht, dass Wellensittiche wie Menschen sprechen, sie lernen eine Abfolge von Lauten, betont Güntürkün. Sie verstünden zwar, dass es bestimmte Situationen gibt, in denen es passend ist, bestimmte Laute zu erzeugen. Ein weitergehendes inhaltliches Verständnis fehle ihnen aber.
Papageien und Menschen unabhängig voneinander entwickelt
Dass Wellensittiche zur Spracherzeugung ähnliche Mechanismen wie Menschen entwickelt haben, ist ein Beispiel für konvergente Evolution. Damit ist gemeint, dass zwei Arten unabhängig voneinander ähnliche Lösungen für dieselbe Aufgabe finden. Schließlich, so Biopsychologe Güntürkün, haben sich die Entwicklungslinien der Vögel und der Säugetiere schon vor 325 Millionen Jahren getrennt.
“Das heißt, in diesen zwei evolutionären Pfaden hat sich der gleiche Prozess unabhängig voneinander entwickelt. Es gab Arten wie zum Beispiel Papageien und Primaten, die haben die Notwendigkeit erzeugt, komplexe Laute zu erzeugen. Bei uns Menschen ist das ganz extrem, wir haben ein Sprachsystem entwickelt, das sonst kein einziges Tier hat, mit enormer Flexibilität.”
Die Ergebnisse der Studie sind aber nicht nur evolutionsbiologisch und neurobiologisch interessant. Die Autoren hoffen, dass die bei den Wellensittichen entdeckten Gehirnprozesse auch dabei helfen können, Kommunikationsstörungen beim Menschen besser zu verstehen und zu behandeln.