Auch Brasilien ist von Trumps Zollpaket betroffen. Mit zehn Prozent kommt die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas jedoch vergleichsweise gut weg. Doch nicht nur das. Brasilien könnte auch zu einem Nutznießer des Handelskriegs zwischen den USA und China werden, indem es sich beiden Wirtschaftsmächten in verschiedenen Bereichen als eine Alternative anbietet.
Deutlich zeigt sich das bereits im brasilianischen Agrarsektor. Chinas Vergeltungszölle auf Agrarprodukte aus den Vereinigten Staaten zwingen Peking, seine Nachfrage mit anderen Lieferanten zu decken. Brasilien steht dabei ganz oben auf der Liste. Laut dem „Wall Street Journal“ decken sich chinesische Käufer seit Monaten mit brasilianischen Agrarprodukten ein. Beispiel Soja: Im ersten Quartal 2025 exportierte Brasilien 22,8 Millionen Tonnen Soja, wovon über drei Viertel direkt nach China gingen. Neben Soja stieg auch der Absatz von Baumwolle, Fleisch und Mais. Brasiliens Agrarsektor profitiert dabei auch von steigenden Preisen auf dem Weltmarkt. Die Agrarwirtschaft ist nicht nur ein wichtiger Devisenbringer für Brasilien, sondern trägt wesentlich zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Die brasilianische Börse legte in diesem Jahr bereits um über neun Prozent zu, und auch die Landeswährung Real ist gegenüber dem US-Dollar wieder stärker geworden.
Nicht nur China, sondern auch andere asiatische Märkte wie Japan dürften für die brasilianische Exportindustrie an Bedeutung gewinnen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva war Ende März auf Besuch in Japan und in Vietnam, wo er erfolgreich über die Öffnung für brasilianisches Rindfleisch verhandelte. Japan importiert gegenwärtig rund 40 Prozent seines Rindfleisches aus den Vereinigten Staaten, doch das könnte sich künftig ändern. Eine ähnliche Übereinkunft erzielte Brasilien mit Vietnam. „Trump ist nicht der Sheriff der Welt“, sagte Lula in Tokio. „Er ist nur Präsident der Vereinigten Staaten. Wir müssen den Protektionismus überwinden.“ Ob er damit auch Brasilien selbst gemeint hat, bleibt offen. Die Importzölle auf gewisse Waren, beispielsweise auch Autos, stehen jenen Trumps in nichts nach.
Liefert Brasilien bald Schuhe in die USA?
Brasilien könnte jedoch nicht nur von der steigenden Nachfrage nach Agrargütern und Rohstoffen in Asien profitieren. Auch für einzelne Sektoren der brasilianischen Industrie bieten sich durch den Handelskrieg und höhere Zollschranken Chancen – und zwar in den Vereinigten Staaten selbst. Das gilt beispielsweise für die brasilianische Schuhindustrie. Brasilien ist der größte Schuhproduzent außerhalb Asiens. Der Sektor erhofft sich, in den Vereinigten Staaten einen Teil der zollbedingten chinesischen Ausfälle decken zu können. Selbst wenn Brasilien selbst mit Zöllen belegt wird, dürfte gegenüber China ein Vorteil entstehen. Beobachter stufen die Handelsbeziehungen zwischen Brasilien und den USA weiterhin als relativ stabil ein.
Doch auch Brasilien muss Dämpfer einstecken. Die von Präsident Donald Trump angekündigten Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte treffen auch Brasilien empfindlich. Allein im Jahr 2024 exportierte Brasilien Stahl im Wert von 4,1 Milliarden Dollar in die USA. Ökonomen schätzen, dass die neuen Zölle Exporte im Wert von bis zu 700 Millionen Dollar gefährden könnten. Risiken gehen auch von China aus, das selbst nach anderen Absatzmärkten sucht, um die Ausfälle in den Vereinigten Staaten zu kompensieren. Lateinamerika dürfte dabei ins Visier geraten und den Druck auf die nationale Produktion erhöhen.
China hat in der Region bereits seit Längerem Fuß gefasst. Zunächst als Abnehmer von Rohstoffen aller Art, dann als Investor im Energie- und Logistikbereich. Allein in Brasilien hat Peking in den letzten 20 Jahren über 70 Milliarden Dollar in über 250 Projekte investiert, von Eisenbahnlinien bis hin zu Energieparks. Die Logik dahinter ist simpel: China sichert sich den Zugriff auf Ressourcen, verkürzt die Exportwege, Brasilien bekommt dringend benötigte Investitionen. Dasselbe Ziel verfolgt Peking in anderen Ländern. Auch als Exportmarkt ist Lateinamerika attraktiv geworden. Brasiliens Automarkt ist in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Spielwiese für chinesische Autohersteller geworden. Firmen wie BYD, Chery und GWM bauen Produktionskapazitäten im Land auf und sichern sich steigende Marktanteile. Laut der Zeitung „Valor Econômico“ entfielen 2024 rund sieben Prozent aller Neuzulassungen auf chinesische Marken – Tendenz steigend. Derweil schielt Huawei auf den Aufbau des 5-G-Netzes.
Die steigende Abhängigkeit Brasiliens von China wird kontrovers diskutiert. Sie könnte Brasilien auch zusehends ins Visier Trumps bringen. Brasilien versucht dabei die Gratwanderung, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich „blockfrei“ zu bleiben. Ausdruck dieses Strebens nach einer unabhängigen Position war etwa die Abfuhr der brasilianischen Regierung an das Angebot Pekings, sich der „Neuen Seidenstraße“ anzuschließen. Doch der Konfrontationskurs der beiden Supermächte wird auch Brasilien unter Druck bringen: Auf der einen Seite die USA, traditionell wichtigster Investor und militärischer Partner, auf der anderen Seite China, das heute wichtigster Handelspartner und Partner Brasiliens im BRICS-Bündnis ist. In Brasília forderten Politiker am Mittwoch angesichts des Zollpakets von Trump eine neue Handelsstrategie und koordinierte Reaktionen. Europa bietet sich in diesem Spannungsfeld Raum, um eine wichtigere Rolle einzunehmen – erst recht, falls das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Block implementiert werden sollte.