Donald Trump wählte brachiale Worte. Engste Handelspartner hätten die USA mit ihrer Zollpolitik „geplündert und vergewaltigt“, sagte der amerikanische Präsident in Washington. Um die größte Volkswirtschaft der Welt in ein „goldenes Zeitalter“ zurückzuführen, werde er per Dekret „reziproke Zölle“ anordnen, die vom 9. April an gelten sollen: zehn Prozent pauschal für alle Länder, 20 Prozent auf alle Einfuhren aus der Europäischen Union, 34 Prozent für chinesische Waren, die zu den bereits verhängten 20 Prozent hinzukommen, 24 und 46 Prozent für Lieferungen aus Japan, Vietnam, Südkorea und Indien. Der Durchschnittszoll, steigt mit den Ankündigungen auf 18,8 Prozent und liegt damit so hoch wie zuletzt im Jahr 1911. „Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen als der Tag, an dem die amerikanische Industrie wiedergeboren wurde“, versprach Trump.
Außerhalb des Rosengartens des Weißen Hauses stand Trump mit dieser Einschätzung relativ allein da. Für den Fall, dass Trump bei seinen Plänen bleibt, sei das „der größte Angriff auf den Freihandel seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest der F.A.Z. Wirtschaftsverbände sprachen von einem „Tiefschlag für die Weltwirtschaft“. Die Furcht vor den Auswirkungen der Zölle ließ die Aktienkurse rund um die Welt absacken. Der S&P-500 fiel nach Handelseröffnung am Donnerstag um 3 Prozent, der Deutsche Leitindex Dax rutschte zunächst um 2,3 Prozent auf 21.873 Punkte ab. Einzelne Werte, wie die stark vom Welthandel abhängigen Konzerne Adidas und Puma, verloren im Tagesverlauf mehr als ein Zehntel ihres Wertes.
Doch was werden die langfristigen Folgen für die Weltwirtschaft und die Exportnation Deutschland sein? Nach Angaben der EU-Kommission treffen die von Trump angekündigten und verhängten neuen Zölle 70 Prozent der Ausfuhr in die USA, Waren im Wert von 370 Milliarden Euro. Weil der Warenverkehr teurer wird und Lieferketten womöglich neu gestaltet werden müssen, rechnen Ökonomen mit insgesamt sinkender Produktion rund um den Globus. Das Bruttoinlandsprodukt der Welt werde im ersten Jahr nach Inkrafttreten der Zölle um knapp ein Prozent geringer ausfallen als ohne die Zölle, errechnete Julian Hinz, Handelsforscher des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. Die Inflation werde hingegen global um 0,5 Prozentpunkte höher ausfallen.
Was die Zölle für Deutschland bedeuten
Für die Exportnation Deutschland verändern die angekündigten Zölle das Handelsverhältnis mit seinem wichtigsten Handelspartner. 2024 verkauften deutsche Unternehmen Waren im Wert von etwa 161 Milliarden Euro in die USA, was etwa einem Zehntel des deutschen Exports entsprach. Der Handelsüberschuss summierte sich auf knapp 70 Milliarden Euro, was Trump ein Dorn im Auge ist. Ein 20-Prozent-Zoll Amerikas würde die deutsche Wirtschaftskraft im kommenden Jahr um 0,5 Prozent drücken, errechnete Hinz. Die Inflation könnte hierzulande aber geringer ausfallen, unter anderem weil günstige Produkte aus Asien künftig nicht mehr nach Amerika, sondern nach Europa geliefert werden.
Nach zwei Jahren mit schrumpfender Wirtschaftsleistung gab es zuletzt Anzeichen für leichtes Wachstum. Nun droht eine längere Rezession. „Da Deutschlands Wirtschaft bereits stagniert, ist es möglich, dass die US-Zölle das Wirtschaftswachstum in Deutschland unter die Nulllinie drücken“, sagte Ifo-Chef Fuest der F.A.Z.
Besonders betroffen ist die ohnehin schwächelnde deutsche Industrie. Die deutschen Autokonzerne, die im vorigen Jahr 445.000 Autos im Wert von 24,8 Milliarden Dollar in die USA geliefert haben, werden sogar mit einem 25-Prozent-Zoll belastet, der am Donnerstag in Kraft trat. VW stoppte einem Medienbericht zufolge am selben Tag vorübergehend die Auslieferung von Fahrzeugen aus Mexiko in die USA und hält Importe aus Europa vorerst in den Häfen zurück.
Die Wirtschaft ist alarmiert
Auch die anderen großen Exportbranchen verdienen derzeit viel Geld in Amerika: Die Pharmaunternehmen machen etwa ein Viertel ihres Geschäfts in den USA, sie exportieren dorthin Waren im Wert von 27 Milliarden Euro. Die Maschinenbauer exportierten zuletzt zwölf Prozent ihrer Waren nach Amerika, die Chemieunternehmen sieben Prozent.
Entsprechend alarmiert äußerten sich am Donnerstag die Vertreter aus der Wirtschaft. „Das Vorgehen bedroht unsere exportorientierten Unternehmen und gefährdet Wohlstand, Stabilität, Arbeitsplätze, Innovationen und Investitionen weltweit“, sagte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Industrieverbands BDI. Sie versuchten aber auch, Stärke zu demonstrieren. „Wir sind auch auf anderen Weltmärkten gut vertreten“, sagte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer DIHK, Volker Treier. Der geschäftsführende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gab sich kämpferisch. Er sehe wachsende Verkaufschancen für deutsche Autohersteller, weil Trumps Chefberater, der Tesla-Eigentümer Elon Musk, der Reputation der Elektroautomarke schade.
In den Fokus rückte am Tag nach Trumps Zollentscheidung die Frage, wie die richtige Reaktion aussehen sollte. Wirtschaftsvertreter appellierten an die Politik, das einschneidende Ereignis als Chance für neue Freihandelsabkommen mit gleichgesinnten Partnern zu nutzen, die nun ebenfalls Verluste im Amerikageschäft zu befürchten haben. „Die Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten sowie mit Indien müssen jetzt endlich unter Dach und Fach gebracht werden“, sagte DIHK-Vertreter Treier.
Wie reagiert die EU?
Der Industrieverband BDI rief zur Geschlossenheit innerhalb der Europäischen Union und den betroffenen Branchen auf. Man unterstütze das bisherige Vorgehen der Kommission in Brüssel. „Die EU hat eigene Instrumente für eine wirksame Gegenreaktion, die sie entschlossen ausspielen kann“, so Industrievertreter Niedermark. „Die Strategie der Kommission, in Kenntnis der europäischen Stärken weiterhin verhandlungsbereit zu bleiben und auf mögliche Angebote flexibel zu reagieren, unterstützen wir.“
Die EU-Kommission setzte am Donnerstag auf Deeskalation. Die Union sei bereit zu Handeln und bereite Gegenmaßnahmen vor, teilte Kommissionschefin Ursula von der Leyen mit. Vor allem aber bot sie Trump an, über den Abbau von Handelsschranken zu sprechen: „Lassen Sie uns den Konfrontationskurs verlassen und verhandeln.“ Diplomaten rechnen nicht damit, dass die Kommission schnell neue Schritte gegen die USA ankündigt. Sie werde zunächst das ohnehin für Montag angesetzte Treffen der EU-Handelsminister abwarten.
Ob Druck auf Trump oder Zugeständnisse an ihn etwas an den Zöllen ändern kann, blieb am Donnerstag offen. Trump hatte einerseits gesagt, dass Länder ihre eigenen Zölle senken sollten, sofern sie Erleichterungen anstreben. Zugleich wurde kolportiert, dass die Zollankündigung keine Einladung zu Verhandlungen sei, also nicht ein erster Aufschlag, der andere Länder etwas abtrotzen soll. Finanzminister Scott Bessent forderte die Handelspartner der USA auf, keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die neuen Strafzölle von Präsident Trump zu ergreifen. „Ich würde nicht versuchen, Vergeltung zu üben“, sagte er in einem Interview.
Fuest: Trumps Idee „illusorisch“
Die für Amerika entscheidende Frage ist, wie die Zölle für die eigene Volkswirtschaft funktionieren werden. Trump argumentiert, dass die Zölle zu Einnahmen für die Bundesregierung von bis zu eine Billion Dollar im Jahr führen könnten. Sie könnten dazu beitragen, die Staatsschulden zu senken und Einkommenssteuern zu ersetzen. Die Idee des Präsidenten, mit den Zöllen direkte Steuern wie die Einkommensteuer ganz zu ersetzen, bezeichnet Ifo-Chef Fuest am Donnerstag als „illusorisch“. Trump könne die Zolleinnahmen jedoch verwenden, um die Steuern zu senken. „Allerdings wird das stark regressiv wirken. Wenn Trump außerdem das Budgetdefizit senken will, wie er behauptet, wird es nichts mit den Steuersenkungen“, sagte Fuest.
Insgesamt gehen Ökonomen davon aus, dass Amerika der größte Leidtragende der eigenen Zollpolitik sein wird. Die US-Wirtschaft verliert rund 1,9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung und muss einen Preisanstieg um mehr als 1,7 Prozentpunkte hinnehmen, kalkuliert IfW-Forscher Hinz. Potentielle Rückverlagerungen von Industriearbeitsplätzen nach Amerika würden von größeren Negativeffekten überstrahlt. „Wenn Trump Investitionen in die USA locken und gleichzeitig das Handelsdefizit reduzieren will, müssen die Amerikaner selbst mehr sparen. Das erfordert schmerzhafte Anpassungen in Form von Konsumverzicht“, sagt Fuest.
Wie schwer Trumps Ziel, heimische Unternehmen zu schützen und ausländische zu „betrafen“, zielgenau umzusetzen ist, zeigte sich schon am Donnerstag. Das US-Unternehmen Apple , der gemessen an der Marktkapitalisierung größte Konzern der Welt, verlor am Donnerstag an der Börse mehr als sieben Prozent. Er stellt einen Großteil seiner Geräte in China her, und für Einfuhren von dort soll fortan ein zusätzlicher Zoll von 34 Prozent gelten. Apple hat verstärkt Produktionskapazitäten in Vietnam und Indien aufgebaut, um seine Lieferketten zu diversifizieren, aber auch über diese Länder hat Trump jetzt hohe Zölle verhängt.
von Christian Geinitz, Hendrik Kafsack, Johannes Pennekamp, Roland Lindner und Winand von Petersdorff