Wenn gesundes Essen Obsession wird

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Ernährungspsychologie

Apfel gut, Schoko böse: Wenn gesundes Essen Obsession wird

Aktualisiert am 04.04.2025 – 06:00 UhrLesedauer: 5 Min.

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Bei einer Orthorexie wird Essen in gut und böse eingeteilt. (Illustration) (Quelle: Sina Schuldt/dpa/dpa-bilder)

Gesunde Ernährung, die krank macht – dieses Paradox beschreibt Orthorexie: die zwanghafte Beschäftigung damit, das vermeintlich Richtige zu essen. Statt Genuss regiert ein strenges Regelwerk.

Immer mehr Menschen legen großen Wert auf gesunde Ernährung – doch bei einigen wird dieser Fokus zur Besessenheit. Orthorexie beschreibt eine Fixierung auf “saubere” Ernährung, bei der das Streben nach tatsächlich oder vermeintlich gesunder Kost das Leben der Betroffenen bestimmt. Doch wo hört gesunde Ernährung auf, und wo beginnt eine problematische Fixierung?

Einfach gesagt wird unter Orthorexie eine zwanghafte Fokussierung auf gesundes Essen verstanden. Betroffene zeigen ein extremes Essverhalten, bei dem die Gedanken ständig um die Qualität der eigenen Ernährung kreisen. Allerdings ist Orthorexie bislang keine offiziell anerkannte Störung. Entsprechend vorsichtig formuliert Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord): “Ein orthorektisches Ernährungsverhalten ist definiert als eine möglicherweise pathologische Fixierung auf gesunde Ernährung.”

“Für diese gesunde Ernährung werden ganz persönliche, subjektive Maßstäbe angelegt”, beschreibt Barthels, die sich seit über zehn Jahren mit dem Phänomen beschäftigt. Tatsächlich ist das Spektrum der möglichen Ernährungsweisen bei Menschen, die an Orthorexie leiden, breit: Veganerinnen können ebenso betroffen sein wie Menschen, die der “Carnivore Diät” folgen, also hauptsächlich Fleisch essen; Rohköstler genauso darunter leiden wie jene, die auf die Keto-Diät setzen. “Man wird nicht zwei Personen mit einer orthorektischen Ernährungsweise mit einer Mahlzeit glücklich machen können”, so die Psychologin.

Orthorektisch wird ein Ernährungsverhalten dann, wenn das tatsächlich oder vermeintlich gesunde Essen zum Lebensinhalt wird, die entsprechende Planung der Mahlzeiten immer mehr Zeit verschlingt und Lebensmittel immer rigoroser in Gut und Böse eingeteilt werden. “Objektiv betrachtet ernähren sich einige Betroffene tatsächlich sehr gesund”, führt Barthels aus. “Andere nutzen aber vielleicht weniger seröse Quellen, schränken ihre Ernährungsweise immer weiter ein, sodass am Ende nur noch sehr wenig Lebensmittel gegessen werden.” Dann könne Orthorexie auch körperlich zu einem Gesundheitsproblem werden.

Orthorexie wird derzeit nicht als eigenständige Essstörung in Klassifikationssystemen wie dem DSM-5 oder ICD-10 geführt. Das liegt laut Psychologin Barthels auch daran, dass dafür nicht genügend Daten vorliegen: “Störungsbilder werden erst nach langjährigen Forschungsprozessen in den ICD-10 oder DSM-5 aufgenommen. Dafür sind viele Studien nötig, die eindeutig zeigen: Wie sind die Symptome? Wie ist die Prävalenz? Was sind Risikofaktoren? Und die haben wir für die Orthorexie einfach noch nicht.”

Ferner sei wissenschaftlich durchaus umstritten, ob es sich um ein eigenes Krankheitsbild handele: “Viele Stimmen sagen, dass es sich eigentlich nur um eine Variante bekannter Essstörungen handele, also einer Art Magersucht unter dem Deckmantel der gesunden Ernährung.” Barthels sieht indes gravierende Unterschiede etwa zur Magersucht: “Bei der Orthorexie geht es vor allem auch darum, sich zu ernähren, während bei anderen Essstörungen der Verzicht auf Nahrung im Mittelpunkt steht. Auch die Fokussierung auf ein schlankes Körperbild sehen wir bei der Orthorexie nicht zwangsläufig.”

Nichtsdestotrotz sieht Barthels sowohl Argumente für als auch gegen eine Aufnahme in entsprechende Klassifikationssysteme: Dafür spreche, dass eine offizielle Diagnose auch zur Entwicklung von Fachbüchern und Leitlinien für eine Therapie oder die Einrichtung spezieller Behandlungszentren führen würde. Dann könnten Betroffene leichter Hilfe finden.

Ebenso könnte es allerdings zu einer Pathologisierung von Verhaltensweisen kommen, die eigentlich normal seien oder nur in vorübergehenden Lebensphasen aufträten. Darüber hinaus sei eine Orthorexie etwa für Menschen mit vorheriger Magersucht vielleicht sogar eine Verbesserung: “Betroffene haben in vielen Therapien gelernt, dass Essen wichtig und gut für den Körper ist, behalten aber Kontrolle über ihr Essverhalten, indem sie sich möglichst gesund ernähren – aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate bei der Anorexie ist es letztendlich besser, wenn die Person lernt, überhaupt etwas zu essen, selbst, wenn das zwanghaft oder sehr eingeschränkt ist.”

Ohne eindeutige Diagnosekriterien ist eine Antwort auf diese Frage unmöglich. Psychologin Barthels schätzt die Prävalenz ähnlich wie bei anderen Essstörungen ein. Das hieße deutlich unter ein Prozent der Bevölkerung wären betroffen.