Dilemma für VW und Co.: Kriegsmaschinen aus der Autobranche

3

Wenn eine Bustür beim Öffnen zischt, steckt oft ein Ventil in der Tür, das aus dem Nordosten von Hannover kommt: vom Unternehmen Nass Magnet. Der Autozulieferer und Familienbetrieb in vierter Generation baut elektromagnetische Teile, die in Autos und Lastwagen zu finden sind. Schon vor einhundert Jahren hatte in der niedersächsischen Landeshauptstadt die Produktion von Präzisionsmechanik begonnen.

Heute beschäftigt Nass Magnet etwa 800 Mitarbeiter, und manche von ihnen stellen schon jetzt High-Tech-Ventile für einen Wirtschaftszweig her, mit dem der geschäftsführende Gesellschafter Klaus Kirchheim das Geschäft stark ausweiten will: für die Rüstungsbranche. Dass Deutschland hunderte Milliarden Euro mobilisiere und die Verteidigung stärke, biete große Chancen für Autozulieferer, von denen viele händeringend nach neuen Aufträgen suchten, sagt der 66 Jahre alte Unternehmer der F.A.Z. Es sei sein „strategisches Ziel“, hier mehr zu machen.

Eine Branche im Umbruch

Landauf landab prüfen Manager in den Automobilunternehmen, ob – und wenn ja, wie – sie von steigenden Rüstungsausgaben profitieren können. Die Branche steckt im Umbruch. Vielerorts fallen Stellen weg, und potentielle Partner aus der Rüstung werben schon offensiv darum, frei werdende Kapazität und Fachkräfte zu nutzen, um die Produktion von Drohnen, gepanzerten Fahrzeugen und anderem Kriegsgerät hochzufahren.

„Autos zu Rüstung“ lautet das Motto, das der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) ausgegeben hat. Und Analysten der Deutschen Bank sprechen schon von der Möglichkeit, „zwei Fliegen mit einer Klappe“ zu schlagen, sprich: Mehr Waffen zu bauen und die darbende Automobilindustrie besser auszulasten.

Gleichzeitig stellen sich den Autokonzernen und ihren Zulieferern komplexe Grundsatzfragen, betriebswirtschaftlich, technisch und ethisch. Mancherorts geht ein Riss durch die Belegschaft, wenn die Rede aufs Thema Kriegswaffen kommt. Und so wird eine mögliche Einbindung der Automobilbranche ins Rüstungsgeschäft zum Spiegelbild all jener Konflikte und Probleme, die Deutschland in der Jahrhundertaufgabe bevorstehen, wieder kriegstüchtig zu werden.

Am Geld mangelt es nicht, aber an Aufträgen

Das Geld ist da, nachdem Bundestag und Bundesrat der schuldenfinanzierten Aufrüstung für die kommenden Jahre zugestimmt haben. Der Bedarf ist riesig, und das Tempo in der Auftragsvergabe muss steigen, genau wie in der Produktion. Einer Berechnung des Instituts für Weltwirtschaftsforschung in Kiel zufolge würde es nach aktuellem Stand mehr als zehn Jahre dauern, bis Deutschland allein den Bestand an Kampfflugzeugen des Jahres 2004 erreicht – obwohl das Tempo seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine schon angezogen hat. Vier Jahrzehnte würde es dauern, um den Bestand an Kampfpanzern zu erreichen. Für Haubitzen, wichtige Geschütze der Artillerie, wären es sogar 100 Jahre.

Die Kürzungen vergangener Verteidigungshaushalte haben dazu geführt, dass die militärischen Bestände gesunken sind und die Infrastruktur der Streitkräfte abgewirtschaftet ist. Gab es 1992 in Deutschland rund 4000 Kampfpanzer vom Typ Leopard 1 und 2, waren es 2021 nur noch 339. Die Zahl der Artilleriehaubitzen, mit denen in der Ukraine an der Front gekämpft wird, sank von mehr als 3000 auf noch 120. Alleine um die Munitionslager der NATO-Staaten wieder zu füllen, rechnet die Rüstungsindustrie mit einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Und vieles von dem, was nun bestellt wird, fließt direkt in die Ukraine.

Wechseln Autofabriken den Besitzer?

Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall expandiert praktisch überall, baut neue Werke auf und erweitert die Kapazität bestehender Produktionslinien. Aber er verweist eben auch darauf, dass jetzt Aufträge kommen müssen. Der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Armin Papperger hat zuletzt deutlich gemacht, dass der Ball im Spielfeld des Verteidigungsministeriums liegt. In den nächsten Monaten müsse sich zeigen, wie ernst es der Bundesregierung mit der Aufrüstung wirklich sei.

Um Partner zu gewinnen, tritt Rheinmetall an verschiedenste Unternehmen heran. Mit etlichen Mittelständlern aus der Automobilindustrie wurde schon Kontakt aufgenommen, wie aus der Branche zu hören ist. Sogar die Übernahme ganzer Autofabriken steht im Raum. Schließlich reichten bestehende Rheinmetall-Werke in Kassel oder Unterlüß nicht aus, um schnell zu reagieren, wenn beispielsweise Aufträge für 1000 Transportpanzer vom Typ Fuchs oder für den Schützenpanzer Lynx hereinkämen. Alles hänge davon ab, dass die Industrie möglichst schnell Planungssicherheit bekomme, betonte Papperger zuletzt. „Das Konzept funktioniert nur dann, wenn man Zehn-Jahres-Verträge abschließt, da reicht auch kein Rahmenvertrag.“

Unklare Zukunft des VW-Werks in Osnabrück

Ein erster großer Schritt könnte in Osnabrück bevorstehen. Dort bangen rund 2300 Beschäftigte des Volkswagen-Konzerns um die Zukunft ihres Werks, das 2009 nach der Insolvenz des Auftragsfertigers Karmann zu VW gekommen war. Nun baut der Wolfsburger Autokonzern wegen der schwachen Nachfrage in Europa zehntausende Stellen ab, und Osnabrück steht als Produktionsstandort in Frage, wenn im Jahr 2027 die Cabriovariante des Modells T-Roc ausläuft.

Vor wenigen Tagen war Rheinmetall-Chef Papperger persönlich vor Ort, um Gespräche mit dem VW-Management zu führen und auszuloten, ob das Werk Militärfahrzeuge bauen kann. Das seit fünfzehn Jahren bestehende Gemeinschaftsunternehmen mit der VW-Tochtergesellschaft MAN, Rheinmetall MAN Military Vehicles, kurz RMMV, hatte jüngst einen Auftrag der Bundeswehr für 568 Logistikfahrzeuge im Wert von 330 Millionen Euro bekommen. Sollte der Bedarf wie erwartet steigen, braucht RMMV dringend mehr Kapazität.

Im VW-Management herrscht Zuversicht, dass eine Kooperation in Osnabrück zustande kommt. Aber gleichzeitig zeigt das Werk auch, welche Probleme ein Schulterschluss mit der Rüstungsbranche mit sich bringen kann. Für den Bau militärischer Lastwagen müsste die Fabrik umgerüstet werden. Hinzu kommt eine generelle Skepsis mancher Beteiligter gegenüber Militärgütern, etwa auf Seiten der IG Metall. Die Gewerkschaft vertritt zwar auch Beschäftigte von Waffenherstellern, setzt sich laut ihrer Satzung aber für „Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ ein. Ganz konkret fordert sie in Osnabrück, dass der VW-Konzern das Werk als „zivilen Industriestandort erhalten“ müsse.

Unternehmenspolitik als Hinderungsgrund?

Auch manche Unternehmen haben sich entsprechende Grundsätze gegeben, etwa Continental. Der Autozulieferer und Dax-Konzern liefert zwar Reifen, Antriebsriemen und andere Technik, die auch in Militärfahrzeugen stecken können. Anders verhält es sich aber mit Kanonen oder Geschossen. Es sei Unternehmenspolitik, dass man keine Systeme liefert, „die direkt als Teil von zum Beispiel Primärwaffensystemen verwendet oder als Teil von solchen Systemen missbraucht werden könnten“, so Conti.

Im hannoverschen Familienunternehmen Nass Magnet weiß man aus eigener Erfahrung, dass solche Grundhaltungen ernst zu nehmen sind, auch unter den Beschäftigten. Als der Betrieb vor gut einem Jahrzehnt damit begonnen habe, Ventile an Hersteller von Torpedos zu liefern, habe es intern schwierige Diskussionen gegeben, erinnert sich Firmenchef Kirchheim. „Es gab viele, die dieses Geschäft eigentlich lieber nicht machen wollten.“ Inzwischen nimmt er solche Skepsis im Unternehmen nicht mehr so stark wahr, auch weil viele überzeugt seien, dass ein starkes Militär abschreckend wirke und damit auch Frieden sichere.

Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich gedreht

Wie sich die Stimmung gedreht hat, merken auch die Rüstungskonzerne, die heute deutlich mehr Initiativbewerbungen erhalten als früher. Mancherorts werden sogar aktiv Beschäftigte von der Autobranche in die Rüstung vermittelt. So spricht Conti mit Rheinmetall und dem Radarhersteller Hensoldt über einen Transfer von Beschäftigten, etwa im hessischen Wetzlar, wo Hensoldt ein fast komplettes Team mit 100 Mitarbeitern von Conti übernimmt.

Rheinmetall schichtet sogar innerhalb des eigenen Konzerns um. Denn der Rüstungshersteller hat eine Autozuliefersparte, die wie alle Automobilunternehmen die schwache Nachfrage spürt. Als aus dem Zulieferwerk in Neuss kaum jemand in die weiter entfernten Rüstungswerke wechseln wollte, habe man „das Werk zu den Mitarbeitern gebracht“, sagte Papperger jüngst. Genau wie an einem anderen Standort in Berlin sollen in Neuss künftig Rüstungsgüter produziert werden.

Manche Unternehmen warnen davor, das Potential der Militärgeräte für die Autobranche zu überschätzen, etwa die Hanomag Lohnhärterei. Das Familienunternehmen mit Sitz in Hannover beschäftigt rund 900 Mitarbeiter an dreizehn Standorten und hat sich darauf spezialisiert, Metallkomponenten für Autos mit thermochemischen Verfahren zu bearbeiten, zum Beispiel Zahnräder oder Getriebeteile. Seit Russland die Ukraine überfiel, bearbeite das Unternehmen auch die Hülsen für 120-Millimeter-Geschosse von Rheinmetall, sagt der Geschäftsführer Konrad Seehafer, im Gespräch mit der F.A.Z. Ein interessantes Geschäft, das wachsen soll. Nur: Es stand zuletzt für weniger als ein Prozent des Umsatzes von 130 Millionen Euro.

Autoindustrie ist viel größer als die Rüstungsbranche

Das Rüstungsgeschäft sei „kein Rettungsanker“, warnt Seehafer mit Blick auf die Schwierigkeiten der Automobilbranche. Ein Vergleich der Beschäftigtenzahlen stützt diese Einschätzung. In Deutschland übersteigt die Zahl der Mitarbeiter in Automobilunternehmen die Rüstung um ein Vielfaches. In Summe waren in Europa zuletzt rund 581.000 Menschen direkt in der Rüstungsbranche beschäftigt, alleine die Produktionsmitarbeiter in der europäischen Autoindustrie sind mehr als fünf Mal so viele. Die gesamte Automobilindustrie steht für sieben Prozent aller Stellen in Europa.

Ob es um Qualifizierung des Personals geht, um Genehmigungen oder die Zertifizierung von Werkshallen – die Herausforderungen sind groß. Unternehmensverbände wie Niedersachsenmetall halten sie aber für lösbar. Gerade die Zulieferer beherrschten komplexe Fertigungsprozesse, seien flexibel und stünden für hohe Qualität, heißt es dort. Genau solche Kompetenz werde gebraucht. Ähnlich äußert sich der Rüstungsverband BDSV.

„Wenn es um Serien mit relativ hohen Stückzahlen geht, wie bei Drohnen, kann ich mir auch vorstellen, dass ein auf Serienproduktion ausgelegter Zulieferbetrieb komplett umgestellt wird“, sagt Hauptgeschäftsführer, Hans Christoph Atzpodien. Nötig sei das allemal: „Wenn wir die Signale zur Bedrohungslage richtig interpretieren, dann haben wir allen Anlass, die Dinge so zu beschleunigen, wie wir es sicherlich tun würden, wenn wir bereits angegriffen würden.“