Hüttenwerke Krupp Mannesmann: Neuer Schlag für Traditions-Stahlwerk

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Das Schließungsszenario für die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg rückt noch ein Stückchen näher. Am Freitag wollte sich der Aufsichtsrat von Thyssenkrupps Stahlsparte treffen, um die Kündigung eines wichtigen, langfristigen Liefervertrags zwischen den beiden Unternehmen zu beschließen, wie aus Unternehmenskreisen zu erfahren war und Vertreter der Gewerkschaft IG Metall bestätigten.

Offiziell ist der Beschluss noch nicht gefallen. Die Arbeitnehmervertreter haben im paritätisch besetzten Aufsichtsrat der Stahlsparte ein gewichtiges Wort mitzureden. In einer Protestaktion zogen nach Unternehmensangaben am Freitagmorgen rund 500 HKM-Arbeitnehmervertreter vor das Tor eins an der Hauptverwaltung von Thyssenkrupp Steel (TKSE).

HKM mit seinen 3000 Beschäftigten ringt um seine Existenz. Thyssenkrupps Stahlsparte ist Hauptgesellschafterin des Traditionsunternehmens und nimmt jedes Jahr rund 60 Prozent der von HKM produzierten Stahlmenge ab, das entspricht etwa 2,5 Millionen Tonnen Stahl. Schon seit vergangenem Jahr ist bekannt, dass Thyssenkrupp Steel HKM verkaufen oder schließen will, um die eigene Restrukturierung voranzutreiben. Denn Thyssenkrupps Stahlbereich leidet unter Überkapazitäten und bekommt die Mengen, die das Unternehmen eigentlich produzieren könnte, am Markt nicht mehr los. Der Liefervertrag mit HKM hat eine Kündigungsfrist von sieben Jahren und würde durch die Kündigung Ende 2032 auslaufen.

TKSE will Produktionsmenge senken

Das passt ins Bild: Über das Jahr 2032 hinaus mit einer Belieferung durch HKM zu planen, scheint kaum logisch, will doch TKSE seine Produktionsmenge von gegenwärtig 11,5 auf künftig 8,7 bis 9 Millionen Tonnen senken. Die geplante TKSE-Sanierung, über die jedoch hinter den Kulissen noch heftig gerungen wird, soll auch den Abbau und die Auslagerung von insgesamt 11.000 Stellen beinhalten, inklusive rechnerisch 1500 HKM-Stellen.

Für die IG Metall bedeuteten die Vertrags-Kündigungsabsichten des Stahl-Managements, „dass wir weiterhin auf einen Teil- oder Komplettverkauf von HKM drängen“, ließ sich Knut Giesler, Chef der IG Metall Nordrhein-Westfalen und stellvertretender Aufsichtsratschef von TKSE, zitieren. HKM-Arbeitnehmervertreter indes werteten die Absichten des Stahl-Managements als schlechtes Zeichen an mögliche Kaufinteressenten.

HKM, das im Duisburger Süden zwei in die Jahre gekommene Hochöfen und eine Kokerei betreibt, gehört zur Hälfte Thyssenkrupps Stahlsparte, zu 30 Prozent Deutschlands zweitgrößtem Stahlkonzern Salzgitter und zu 20 Prozent dem französischen Rohrhersteller Vallourec . Bis vor Kurzem hatte es noch mit dem Hamburger Finanzinvestor CE Capital Partners Gespräche über einen möglichen Verkauf von HKM an CE gegeben, die aber Ende Februar scheiterten. Welche der Verhandlungsparteien dabei als Erstes das Handtuch warf, ist nicht ganz klar. Doch schon damals rückte eine Schließung von HKM – die aus Sicht von Thyssenkrupp das Alternativszenario zu einem Verkauf wäre – etwas näher.

Uneinigkeit unter den drei Gesellschaftern

Hinzu kommt allerdings, dass unter den drei Gesellschaftern nicht unbedingt Einigkeit besteht. Während Vallourec seinen Liefervertrag mit HKM schon gekündigt hat, stellt sich die Lage für Salzgitter anders dar. „HKM stellt Vormaterial für Gesellschaften aus dem Salzgitter-Konzern her, die nicht ohne Weiteres ersetzt und alternativ bezogen werden können“, bekräftigte ein Salzgitter-Sprecher am Freitag, bestätigte aber, dass Salzgitter HKM nicht komplett übernehmen wolle. Das hatte auch Salzgitter-Chef Gunnar Groebler Ende März gesagt: „Das ist viel zu groß und würde uns überfordern.“ Den Buchwert auf die HKM-Beteiligung von zuletzt 110 Millionen Euro hat Salzgitter mittlerweile komplett abgeschrieben.

Die aktuelle Situation müsse nun bewertet werden, damit die Anteilseigner die nächsten Schritte möglichst im Einvernehmen festlegen können, erklärte der Salzgitter-Sprecher am Freitag. „Dabei liegt seitens der Salzgitter AG weder eine Zustimmung zur Schließung der HKM vor, noch ist dieses die von uns bevorzugte Lösung.“

Im Zuge der mittlerweile gescheiterten Verkaufsverhandlungen mit CE Capital Partners hatte eine Beratungsgesellschaft ein Zukunftskonzept für HKM entwickelt, dem auch die IG Metall aufgeschlossen gegenüberstand. Hierbei handelt es sich um die Idee, HKM nach einem möglichen Verkauf zum unabhängigen Stahlwerk zu machen, das seine Brammen selbst auf dem Markt anbietet. Potentielle Kunden könnten dem Plan zufolge Grobblech-Walzwerke sein, die derzeit auf dem ausländischen Markt einkaufen müssen.

Grobblech wird zum Beispiel für die Rüstungsindustrie oder für Windradteile benötigt. Teil des Konzepts, das nach Informationen aus Branchenkreisen auch der frühere Stahl-Topmanager aus dem Saarland und ehemalige Volkswagen-Vorstand Karlheinz Blessing mitentwickelt haben soll, wäre auch ein Ersatz der altersschwachen, klimaschädlichen HKM-Hochöfen durch klimafreundlichere Elektroöfen. Die IG Metall bestätigte der F.A.Z. am Freitag, dass die Zukunftsidee auch unabhängig von dem Langfrist-Liefervertrag mit TKSE funktionieren würde. Allerdings ist völlig offen, ob sich nach der Absage der Gespräche mit CE Capital Partners noch einmal ein neuer Investor finden lässt.