Wie Religionen zu Weltreligionen wurden

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„Ist der Leppin auf Abwege geraten?“ Wenn Hartmut Leppin Fachkollegen von seinem Vorhaben berichtete, einen Vortrag zum Thema „Achsenzeit“ zu halten, blickte er nach eigener Aussage zumeist in sorgenvolle, gar mitleidige Gesichter. Bislang war der Frankfurter Althistoriker und Leibniz-Preisträger schließlich durch methodisch durchdachte, quellennahe Arbeiten zur Spätantike und zum antiken Christentum aufgefallen, nicht aber durch gewagte geschichtsphilosophische Spekulation.

Ein Hauch des Spekulativen verbindet sich jedoch seit jeher mit dem Konzept der Achsenzeit, um dessen Bezug zur Spätantike es Leppin am 25. März in der Berliner Staatsbibliothek ging. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass der Begriff von einem Philosophen geprägt wurde, von Karl Jaspers in dem Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ (1949). Nach der Beobachtung von Jaspers war es zwischen 800 und 200 vor Christus in den großen Zivilisationen der alten Welt zu bahnbrechenden, erstaunlich parallelen Entwicklungen gekommen: dem Auftreten wirkmächtiger Propheten und Philosophen wie Sokrates, Buddha oder Konfuzius, dem Übergang vom Mythos zum Logos, der Herausbildung größerer sozialer Einheiten. Dies sei der entscheidende Umbruch in der Weltgeschichte gewesen: „Es entstand der Mensch, mit dem wir bis heute leben.“

Historiker stehen „Achsenzeit“ skeptisch gegenüber

Begünstigt durch die fortschreitende Globalisierung und die Krise des Eurozentrismus ist die Achsenzeit vor allem seit den Achtzigerjahren so breit rezipiert worden wie kaum ein anderer Aspekt im Denken von Jaspers. Soziologen wie Shmuel N. Eisenstadt versuchten zu spezifizieren, was Jaspers eher assoziativ ausgeführt hatte; Philosophiegeschichten wie das Alterswerk von Jürgen Habermas benutzten den Begriff wie selbstverständlich zur Periodisierung; noch das jüngste Heft der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ widmet sich der Achse als Denkfigur in etwas breiterer Perspektive. Nur Fachhistoriker zeigten sich der Achsenzeit gegenüber so skeptisch wie gegenüber den meisten Globaltheorien: Sie wiesen auf historische Unstimmigkeiten hin, sahen die Dignität der Quellen und die Singularität historischer Ereignisse in Gefahr.

Hatten ein paar Monate auf dem Berliner Zauberberg, dem Wissenschaftskolleg, also genügt, um Hartmut Leppin in Fundamentalopposition zu seinen Kollegen aus dem Flachland zu bringen? Unter dem Titel „Achsenzeit und Spätantike. Zum Verhältnis zweier Epochenbezeichnungen“ sparte er tatsächlich nicht mit Kritik am gegenwärtigen Stand der althistorischen Spätantike-Forschung. Diese habe zwar in den vergangenen Jahrzehnten einen eindrucksvollen Aufschwung erlebt, beschränke sich aber weiterhin stark auf den römischen und poströmischen Raum, beziehe höchstens Persien noch mit ein. Zentralasien, Indien oder China blieben hingegen weitgehend unberücksichtigt, anders als in Nachbardisziplinen wie der Theologie oder der Archäologie.

Die Faktoren logistischer „Konnektivität“

Das Konzept der Achsenzeit brachte er sodann als Anstoß zur Horizonterweiterung ein. Die Zeit von 200 bis 800 nach Christus ist bisweilen als „sekundäre“ oder „religionsgeschichtliche Achsenzeit“ bezeichnet worden, weil die heutigen Weltreligionen damals einen entscheidenden Durchbruch in ihrer Kanonisierung und Verbreitung erfuhren. Leppin interessierten die Faktoren, die eine solche Ausbreitung begünstigten.

So hätten die Seidenstraßen zwischen Rom und China mit ihren vielen Zwischenstationen die Infrastruktur bereitgestellt, auf der sich Händler und Missionare bewegten (oftmals dieselben Personen in doppelter Funktion). Das allein habe jedoch nicht ausgereicht, die Religionen mussten auch so beschaffen seien, dass sie sich leicht von einem politischen Kontext in einen anderen übertragen ließen. Hier sei ihnen die Bedeutung heiliger Schriften zupassgekommen: Anders als etwa in der griechisch-römischen Zivilreligion etablierte sich dadurch eine religiöse Autorität jenseits der politischen Herrschaft. Grenzüberschreitende, reichsunabhängige Sprachen wie das Syrische oder das Sogdische hätten ihren Teil zum Religionstransfer beigetragen, ebenso geteilte Praktiken wie die Askese, die damals in vielen Kulturen zugleich geschätzt worden sei.

Hartmut Leppin bei seinem Vortrag in der Berliner Staatsbibliothek am 25. März 2025
Hartmut Leppin bei seinem Vortrag in der Berliner Staatsbibliothek am 25. März 2025Staatsbibliothek zu Berlin

Neben solchen Faktoren logistischer „Konnektivität“ beschäftigte sich Leppin mit den politischen Bedingungen, mit imperialer Herrschaft und deren Folge- oder Nachfolgeproblemen – und Chancen. Denn während das Phänomen der Reichsreligionen hinreichend bekannt ist, verbreiteten sich die universalistischen Religionen gerade auch dann, als Reiche wie Rom, Persien oder China Schwächephasen durchlebten oder sogar untergingen. Zugespitzt formuliert profitierte das Christentum sowohl von der Existenz des Römischen Reichs, dessen Straßen- und Handelsnetze es nutzte, als auch von dessen Untergang, weil es nun Gruppen jenseits der ehemaligen Grenzen erreichen konnte. Für Leppin deutet dies auf einen entscheidenden Vorteil der Eigenschaft universalistischer Religionen hin, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft anzusprechen: Sie können sich von politischen Ordnungen lösen und daher über Reichsgrenzen hinweg Verbreitung finden.

„Achsenzeit“ als Sprungbrett der Globalgeschichte

Was Leppin entwarf, waren die Grundzüge einer Globalgeschichte der spätantiken Religionen. Angesichts der Tatsache, dass er tatsächlich gerade an einer „Globalgeschichte des Römischen Reichs“ schreibt, war sein Streben nach analytischer Schärfe vielversprechend – selbst wenn er den Anspruch zu diesem Zeitpunkt seiner Arbeit noch nicht immer einlösen konnte. Das Konzept der Achsenzeit geriet dabei freilich zunehmend aus dem Blick. In der anschließenden Diskussion distanzierte Leppin sich sogar ausdrücklich von ihm: Es sei nicht mehr als ein Sprungbrett für die eigenen Überlegungen gewesen.

Wer geschichtsphilosophisch gestimmt ist, mag das bedauern. Schließlich steckt im Gedanken von Jaspers mehr als nur eine entschieden eurasische Perspektive, wie Leppin sie sich zunutze machte. Schon im Begriff der Achse ist ein Bezug auf ihr Umfeld enthalten: Die Achse ist das, worum sich etwas dreht. Inwieweit die frühere und spätere (Religions-)Geschichte um die Spätantike rotiert, worin also die womöglich singuläre welthistorische Bedeutung der Epoche liegt, das wäre eine ebenso spannende wie gewagte Frage gewesen. Dass Leppin sie nicht stellte, wird ihm immerhin die Rückkehr zu jenen Flachlandhistorikern erleichtern, die ihn eben noch auf Abwegen wähnten.