Nintendo Switch 2: Ach, Nintendo

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Trist ist die Videospielbranche geworden. Mikrotransaktionen
verwandeln Spiele in Dauerwerbeveranstaltungen, große Franchises wie Call of
Duty
und Assassin’s Creed stagnieren, und die neuen
Konsolengenerationen von Sony und Microsoft bringen lediglich neue Grafikkarten,
aber keine neuen Ideen mit sich. Nur noch Nintendo leistete sich bislang den
Luxus, mit seinen Produkten zu experimentieren: Alle Jahre wieder veröffentlicht der japanische Entwickler eine Konsole mit
neuem Controller, neuem Gimmick und neuem Namen. 

Nicht immer zahlt sich dieser
Innovationsethos aus – man denke etwa an das Desaster der Wii U, die mit ihrem
neuartigen, aber letztlich nutzlosen Tablet-Controller gerade einmal 13,5
Millionen Geräte verkaufen konnte. Das Experiment der 2017 erschienenen Nintendo Switch aber hat sich gelohnt: Mit über 150 Millionen ausgelieferten Geräten ist
sie das bislang erfolgreichste Produkt des Spiele- und Konsolenherstellers und könnte
womöglich noch die Playstation 2 – die 160 Millionen Exemplare abgesetzt hat –
als meistverkaufte Videospielkonsole aller Zeiten ablösen.

Angesichts solch einer sagenhaften Erfolgsbilanz würde wohl
jedes Unternehmen schlagartig konventionell denken, und so kündigte Nintendo im
Januar erstmals in der Firmengeschichte einen direkten Konsolennachfolger an:
die Nintendo Switch 2. Drei Monate später wurde die Konsole nun im Rahmen einer
einstündigen Online-Präsentation ausgiebig vorgestellt – und konnte gleichzeitig
bei einem Anspielevent in Paris ausprobiert werden. Grund genug, um
hinzufahren.

Die Joy-Cons werden zur Computermaus

Der Name lässt bereits vermuten: Wer schon einmal die
erste Switch in den Händen gehalten hat, für den dürfte sich die Switch 2
vertraut anfühlen. Zwar ist der Bildschirm der neuen Konsole genauso wie die
seitlich angebrachten Joy-Cons im Vergleich zum Vorgänger größer, ergonomisch
aber macht sich kein wahrnehmbarer Unterschied bemerkbar. Womöglich, weil sich die
Switch 2 mit einem Durchmesser von anderthalb Zentimetern genauso schlank wie
ihr Vorgänger anfühlt. Neu hingegen ist die Art und Weise, mit der die Joy-Cons
an der Konsole angebracht werden: Sie rasten nicht mehr mittels einer Schiene
ein, sondern haften magnetisch an. Was sich in der Theorie wacklig anhört,
fühlt sich in der Praxis stabiler an als der alte Schiebemechanismus. 

Die eigentliche Neuheit verbirgt sich aber in den Joy-Cons: Sie lassen sich jetzt wie eine Computermaus nutzen. Dafür wendet man
die Controller um 90 Grad, ein seitlich angebrachter Sensor registriert dann
die Bewegungen auf den glatten Oberflächen. Ein Shooter wie Metroid Prime 4
lässt sich so deutlich präziser steuern als mit herkömmlichen Analogsticks, und
auch Strategiespiele wie Civilization VII, in denen man sich durch unzählige
Menüs klicken muss, werden von den neuen Joy-Cons enorm profitieren. Die Switch
2 mag die bislang fantasieloseste Konsole Nintendos sein, ihre
Maus-Funktionalität aber ist eine echte Innovation.

Auch technisch macht die Switch 2 Fortschritte.
Sowohl zu 4K-Auflösungen als auch Bildraten von 120 FPS wird die Konsole in der
Lage sein, wenn auch nicht gleichzeitig. Die genauen technischen Daten der
Konsole – also was für ein Prozessor, welche Grafikkarte und wie viel
Arbeitsspeicher verbaut sind – wollte Nintendo nicht verraten. Aber anhand der
in Paris gezeigten Spiele lässt sich einschätzen: Wenn die erste Switch
zwischen dem Leistungsniveau der Playstation 3 und der Playstation 4 lag, kann man die
Switch 2  irgendwo zwischen der Playstation 4 und der Playstation 5 verorten. Damit dürfte
die Switch 2 ungefähr gleichauf mit ihrem unmittelbaren Konkurrenten liegen,
nämlich dem Steam Deck, dem Handheld-PC von Valve.

Überholt hat Nintendo Valve indes bei den Preisen: Ein Steam
Deck mit LCD-Screen und 256 GB internem Speicher kostet aktuell 419 Euro, die
Switch 2 mit dem gleichen Bildschirm und Speicher beläuft sich auf einen Preis
von 469 Euro. Zum Vergleich: Seinerzeit kostete die erste Switch 330 Euro beim
Launch. Inflationsbereinigt entspricht das heute 432 Euro, insofern wirkt der
Unterschied größer, als er es tatsächlich ist. Doch auch die Spiele der Switch
2 werden deutlich teurer als die bisherigen Titel Nintendos sein: Der
3D-Plattformer Donkey Kong Bananza wird 80 Euro (digital 70), der große
Launch-Titel Mario Kart World sogar 90 Euro (digital 80) kosten. Die meisten Switch-Spiele waren bislang für 60 Euro erhältlich.

Eine möglicherweise teure Tristesse für Nintendo

Womöglich ist man sich bei Nintendo der Tatsache bewusst, mit
dieser Kostensteigerung ein Risiko einzugehen. Es ist bezeichnend, dass
während der einstündigen Präsentation weder der Preis der Konsole noch der
Spiele genannt wurde, obwohl es dafür mehr als genug Zeit gegeben hätte. Auch
beim Anspielevent in Paris wurde nicht über das Preismodell der
Switch 2 gesprochen. Auf Nachfrage hieß es ausweichend, Grund für diese Verschwiegenheit
sei ein striktes Verbot der Marketingabteilung, über Verkaufspreise zu
sprechen.

Ausgezahlt hat sich diese Diskretion nicht: In der
Fan-Gemeinde übertönt zurzeit die Empörung über die erhöhten Preise jede
Vorfreude auf die Konsole. Das ist insofern bedauerlich, weil die in Paris
angespielten Titel – unter anderem Mario Kart World, Donkey Kong
Bananza
und Metroid Prime 4 – wie die innovativsten Spiele der
japanischen Traumfabrik seit Langem wirken. Aber bis
zum Launch am 5. Juni ist ja noch ein wenig Zeit, vielleicht ändert Nintendo in
der Zwischenzeit seine Preisstrategie. Falls nicht, könnten sich die
Verkaufszahlen der Switch 2 als trist erweisen.