Eines zumindest kann US-Präsident Donald Trump schon jetzt für sich in Anspruch nehmen: Er ist seinem Idol und Vorgänger William McKinley einen großen Schritt näher gerückt. McKinley setzte noch als Kongressabgeordneter 1890 den nach ihm benannten „McKinley-Zoll“ durch, der die aufstrebende Großmacht auf einen protektionistischeren Kurs setzte.
Seit Trumps „Liberation Day“ am Mittwoch ist klar: Die amerikanischen Zölle werden in eine Größenordnung vordringen, die es zuletzt im Jahr 1904 gab, nur wenige Jahre nach McKinleys Ermordung im Amt, wie eine Analyse der Ratingagentur Fitch zeigt. Statt wie bisher etwa 2 Prozent werden bald im Schnitt 25 Prozent Zoll auf Einfuhren fällig. Es ist der schnellste Anstieg in der Geschichte der USA. Am glimpflichsten kommen noch die Regionen weg, für die nur 10 Prozent fällig werden, vom Vereinigten Königreich bis zu den nur von Pinguinen bewohnten McDonald-Inseln. 20 Prozent bekommt die EU ab, 25 sind es bereits für Autoexporte. Deutlich mehr bezahlen China, Vietnam und viele andere.
Trump wird nicht müde zu betonen, dass damit die Europäer, die Chinesen und all die anderen, die Amerika im Welthandel unrecht täten, endlich zur Rechenschaft gezogen würden. Er träumt sogar davon, dass Einnahmen aus Zöllen bald die Steuern amerikanischer Bürger ersetzen könnten. Doch viel spricht dafür, dass es für seine Wähler sehr teuer wird. Und nicht nur für sie: Das, was Trump da lostritt, könnte bald die ganze Welt ärmer machen, auch Deutschland.
Entscheidend ist dafür zunächst die Frage, wer eigentlich den Zoll bezahlt. Ganz praktisch ist das der Importeur, also derjenige auf der amerikanischen Seite. Ökonomisch interessanter ist, wer auf den Kosten sitzen bleibt, die sogenannte Zollinzidenz: Um wie viel erhöhen die exportierenden Unternehmen ihre Preise und wälzen den Betrag so auf die Verbraucher über, und inwieweit müssen sie den Zoll von ihrer Profitmarge abziehen? Trumps letzter Versuch, einen Handelskrieg anzuzetteln, gibt darauf erste Hinweise.
Ergebnisse von 2018 nur bedingt übertragbar
Als der Präsident 2018 die Zölle unter anderem auf Waschmaschinen erhöhte, stiegen die Preise für Amerikaner ziemlich genau um den Wert der Zölle. Die ausländischen Unternehmen mussten also keine Einbußen schlucken, den Zoll zahlte Amerika selbst. Gleichzeitig konnten auch die amerikanischen Unternehmen ihre Preise erhöhen, die von den Zöllen gar nicht betroffen waren. Arbeitsplätze entstanden dadurch kaum. Die Amerikaner konnten sich weniger leisten und verloren Kaufkraft im Wert von Milliarden.
Ähnliches könnte nun in viel größeren Dimensionen geschehen. Analysten rechnen damit, dass die Preise für Autos in den USA zwischen 4500 und 15000 Dollar steigen werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der Ökonom Julian Hinz, der an der Uni Bielefeld und am Kieler Institut für Weltwirtschaft zu Außenhandelsfragen forscht, prognostiziert für die USA eine kurzfristige Preissteigerung von 7 Prozent. Hinz betont, dass die Ergebnisse von 2018 nur bedingt auf 2025 übertragbar seien. Weil anders als 2018 dieses Mal nicht nur einzelne Güter und Länder betroffen sind, sondern der gesamte Handel, könnten die Effekte anders aussehen – nicht unbedingt zum Vorteil der Amerikaner. „Ähnliche Länder haben ähnliche Zollsätze“, sagt Julian Hinz. Das heiße für die amerikanischen Verbraucher, dass es weniger Möglichkeiten gebe, auszuweichen. „Das deutet darauf hin, dass die amerikanischen Verbraucher die Zeche zahlen werden.“
Eine Hoffnung der Amerikaner zumindest hat sich bisher als trügerisch erwiesen. Wenn der Dollar stärker würde, so hieß es bisweilen, dann könne das den Effekt der Zölle ausgleichen. Doch so einfach ist es nicht. Angesichts einer befürchteten Rezession in den USA wertete die Währung erst einmal kräftig ab statt auf. Importe werden für die Amerikaner also noch teurer, als sie es allein durch den Zoll würden.
Entstehen in den USA dann mehr Fabriken? Die deutschen Autobauer zum Beispiel sind sowieso internationale Konzerne. Volkswagen hat ein Werk in Tennessee, Mercedes eines in South Carolina. Nichts hielte sie davon ab, in Amerika weiter zu investieren, so wie es Trump sich wünscht. Dann kämen zwar vielleicht höhere Produktionskosten auf sie zu, aber sie könnten bei den Zöllen sparen. Dass das passiert, ist allerdings unwahrscheinlich, und das liegt gerade an Trumps Verhalten.
Die Unsicherheit ist groß
Ökonomen der Federal Reserve haben einen Index entwickelt, an dem sich die Unsicherheit in der globalen Handelspolitik ablesen lässt. Diese Unsicherheit hatte über die Jahrzehnte immer mal wieder Ausschläge nach oben, wenn neue Handelshemmnisse eingeführt wurden oder ein neues Freihandelsabkommen ausgehandelt wurde. Sie nahm einmal besonders stark zu, als Donald Trump 2018 das erste Mal die Zölle erhöhte. Doch so hoch wie jetzt war die Unsicherheit noch nie.
Allein das hat seinen Preis. Je größer die Unsicherheit, desto mehr schränken Unternehmen ihre Investitionen und sonstigen wirtschaftlichen Aktivitäten ein. Welcher Autobauer baut schließlich eine neue Fabrik in den USA, wenn Trump schon angedeutet hat, dass man mit ihm über einen Deal reden könne? „Alle Zölle außer derjenigen gegen China waren bisher verhandelbar“, sagt Julian Hinz. Selbst den Chinesen hat Trump gerade einen Deal in Aussicht gestellt, wenn sie der Übernahme der Videoplattform Tiktok durch ein amerikanisches Unternehmen zustimmen.
Selbst wer in den USA produziert, ist vor den Zöllen nicht gefeit. Denn die deutschen Fabriken dort arbeiten nicht autark. Ein Viertel der deutschen Exporte in die USA im Automobilsektor finden überhaupt nicht zwischen einem deutschen und einem amerikanischen Unternehmen statt, sondern innerhalb desselben Konzerns, wie die Ökonomin Sonali Chowdhry vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ausgewertet hat. Das heißt dann zum Beispiel, dass Volkswagen oder BMW selbst Maschinen und Vorprodukte von Deutschland aus an ihr Werk in den USA liefern, wo dann die Autos zusammengebaut werden. Und auch auf diese Teile werden nun Zölle fällig.
Chowdhry zufolge würde ein 25-prozentiger Zoll der USA gegen die EU, also etwas höher als nun angekündigt, zu einem Rückgang des deutschen Bruttoinlandsproduktes um 0,33 Prozent führen. In einer ähnlichen Größenordnung spielen sich auch die Prognosen anderer Forscher, etwa des Ifo-Instituts, ab.
Die amerikanische Landwirtschaft ist besonders gefährdet
Für Deutschland erwartet Handelsökonom Julian Hinz fallende – oder zumindest weniger stark steigende – Preise. Aber was, wenn die EU nun als Vergeltungsmaßnahme amerikanische Produkte verteuert? Solange solche Maßnahmen nur gezielt auf wenige Produkte abzielen (2018 nahm die EU Harley-Davidsons und Whiskey ins Visier), dürften auch deren Preiseffekte gering ausfallen, glaubt Hinz. „Für Harley-Davidsons gibt es nur einen Hersteller. Da kann schon sein, dass die Zollinzidenz auf deutscher Seite liegt“, sagt Hinz. Aber es sei eben auch ein eher kleiner Markt. „Es gibt auf der Welt 40.000 bilaterale Handelsverbindungen“, sagt Hinz. „Davon sind 400 jetzt stark beeinträchtigt, nämlich die der USA mit anderen Ländern. Die anderen großen Volkswirtschaften wären gut beraten, am regelbasierten Handel festzuhalten, von dem der Großteil jetzt erst einmal nicht betroffen ist.“

Größere Vergeltungsmaßnahmen könnten alles nur noch schlimmer machen, für beide Seiten. Besonders gefährdet ist die amerikanische Landwirtschaft: Als 2018 China als Antwort auf amerikanische Zölle die Einfuhr von Sojabohnen stärker besteuerte, lag die Zollinzidenz sehr viel stärker bei den amerikanischen Exporteuren. Sie mussten also ihre Preise senken, um weiter wettbewerbsfähig zu sein, die Chinesen zahlten einen kleineren Teil der Zölle selbst. Als Grund dafür machen Ökonomen aus, dass landwirtschaftliche Produkte leichter zu ersetzen sind als hoch differenzierte Güter wie Waschmaschinen oder Autos. 2018 waren es vor allem Arbeiter in republikanischen Wahlbezirken, die von den Gegenzöllen getroffen wurden.
Angesichts des Ausmaßes der neuen Zölle drängen sich Vergleiche zu früheren Zeiten auf, allen voran der Einführung des Smoot-Hawley-Zolls von 1930. Es war das letzte Mal, dass Amerika in kürzester Zeit seine Zölle stark erhöhte – und damit einen Handelskrieg mit Gegenmaßnahmen rund um den Globus auslöste.
Außenhandel könnte „zum Erliegen“ kommen
Zwar sollte man die Vergleiche nicht überstrapazieren: Die Welt war damals eine andere, mit Weltwirtschaftskrise, Deflation und anderen Institutionen. Die Auswirkungen des Smoot-Hawley-Zolls selbst waren vergleichsweise gering, der Welthandel brach wegen des Nachfragerückgangs in der Krise von allein ein. Das galt aber nicht für die Vergeltungsmaßnahmen. Die Wirtschaftshistoriker Kevin O’Rourke, Kirsten Wandschneider und Kris Mitchener zeigen in einer Studie (zu welcher der Autor dieses Textes als Forschungsassistent beigetragen hat), wie andere Länder auf die US-Zölle reagierten. Ähnlich wie in der Trump-Ära belegten sie strategisch wichtige Exportgüter mit Zöllen, beispielsweise amerikanische Autos. Diejenigen Länder, die Vergeltungsmaßnahmen einführten, senkten ihre Einfuhr aus den USA um zwischen 28 und 32 Prozent. „Eine Lektion, die sich übertragen lässt, ist, dass Vergeltung stattfinden wird und dass sie eine große Auswirkung auf US-Exporte haben wird“, sagt O’Rourke. Den Anfang machten am Freitag die Chinesen, die Zölle von 34 Prozent auf amerikanische Importe ankündigten.
Für Europäer ist das nicht unbedingt ein tröstendes Szenario, wenn sie in Zukunft auf amerikanische Produkte verzichten müssten oder diese teurer würden. Die Drohung der EU mit Gegenmaßnahmen ist deshalb zwar verständlich, birgt aber Gefahren. Das „größte Risiko“, sagt die Außenhandelsökonomin Lisandra Flach vom Ifo-Institut, sei die Reaktion anderer Länder, die nun „den Außenhandel zum Erliegen bringen“ könne, insbesondere wenn sie nicht nur Zölle gegen die USA erhöhen, sondern auch gegen weitere Handelspartner, weil die regelbasierte Ordnung im Welthandel zusammenbreche. Das könnte dann auch deutsche Verbraucher teuer zu stehen kommen.
Höher könnte für Europa schließlich noch ein anderer indirekter Kostenfaktor sein: die weitere Erodierung der transatlantischen Partnerschaft. „Nichts davon wird gut für die internationalen Beziehungen sein“, sagt Wirtschaftshistoriker O’Rourke. „Das ist eine weitere Lektion aus den Dreißigerjahren.“