Es ist der Tag nach dem „Liberation Day“ im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Seit zwölf Stunden gelten Autozölle, die der US-Präsident Donald Trump verhängt hat. Leo Menuzzo steht in seinem Audi-Autohaus und entschuldigt sich: „Es ist ziemlich leer hier, wir haben einfach so viele Autos verkauft.“
In der Tat ist zwischen einem grauen A4 und einem schwarzen RS6 eine große Lücke. Menuzzo sagt, normalerweise stünden sieben oder acht Autos mehr in seinem „Showroom“ als heute. Der Audi-Händler bietet ausschließlich importierte Fahrzeuge an, denn der deutsche Hersteller hat keine Produktionsstätten in den USA, anders als BMW und Mercedes-Benz, seine Rivalen im Premiumsegment. Audis Modellpalette wird somit künftig zu 100 Prozent von Trumps Zöllen betroffen sein.
Entsprechend hat Menuzzo ebenso wie manche seiner Wettbewerber vor Inkrafttreten der neuen Regeln eine Sonderkonjunktur erlebt, die das Angebot im Ausstellungsraum und dem angrenzenden Hof erheblich ausgedünnt hat. Am letzten März-Wochenende habe es einen wahren „Zoll-Ansturm“ gegeben, berichtet er, im Durchschnitt habe er 15 Autos am Tag verkauft. Das sei ungewöhnlich viel und auch mehr, als er angesichts der begrenzten Platzverhältnisse in New York „logistisch“ bewältigen könne. Einige der verkauften Autos habe er gar nicht vor Ort gehabt, sondern im benachbarten New Jersey gelagert. Sein Bestseller, der in Mexiko gefertigte Q5, sei derzeit komplett ausverkauft.
Importierte Autos dürften erheblich teurer werden
Trump hat einen Zoll von 25 Prozent auf alle importierten Autos verhängt, egal ob sie aus Mexiko, Deutschland oder anderswoher kommen. Diese neuen Regeln gehören zu einer Serie von Zollankündigungen, die in dieser Woche am von Trump ausgerufenen „Liberation Day“ mit Abgaben für eine breite Palette von Produkten aus dem Ausland gipfelten. Im Dekret des Präsidenten zu den Autozöllen hieß es: „Heute wird nur rund die Hälfte aller Autos, die in den USA verkauft wird, im Inland gefertigt. Dieser Niedergang gefährdet unsere heimische industrielle Basis und die nationale Sicherheit.“ Fachleute erwarten, dass importierte Autos erheblich teurer werden. Die Marktforschungsgruppe Cox Automotive hat geschätzt, dass die Kosten für Fahrzeuge aus Mexiko oder Kanada im Durchschnitt um fast 6000 Dollar steigen könnten.
Auch wenn die Autozölle nun offiziell gelten: Bei vielen Händlern hat sich das in den Preisen noch nicht niedergeschlagen. Sie zehren vom Bestand, der vor Trumps Dekret ins Land kam. Menuzzo erzählt, er und sein Team seien sogar weiter zum Feilschen bereit, zum Beispiel bei dem grauen A4, ein Auslaufmodell mit einem Listenpreis von knapp 50.000 Dollar. „Der steht hier schon eine Weile rum, und ich will ihn aggressiv verkaufen.“
„Die Lage ist im Moment sehr im Fluss“
Was die künftigen Importe betrifft, ist Menuzzo aber im Unklaren, weil er von Audi noch keine genaue Marschrichtung gehört hat. Die Frage ist, wie viel von den Zöllen der Hersteller an seine Händler weitergibt, bevor sie dann gegebenenfalls die Preise für die Kunden im Autohaus erhöhen. Menuzzo sagt, in dieser Woche habe er an einem „Teams“-Anruf mit Audis Amerika-Chef Daniel Weissland teilgenommen, der aber „sehr vage und wenig informativ“ gewesen sei.
Preisaufschläge werde es wohl erst Ende April oder Anfang Mai geben, habe Weissland gesagt, ohne aber konkrete Zahlen zu nennen. „Die Lage ist im Moment sehr im Fluss“, sagt Menuzzo, und was immer letztlich entschieden werde, könne erhebliche Auswirkungen auf sein Geschäft haben. Seine Kundschaft zähle zwar üblicherweise zu den Besserverdienern, sei aber trotzdem preissensibel: „Der Wettbewerb ist sehr, sehr hart.“
Volkswagen hat „Importgebühr“ eingeführt
Manche Hersteller haben schon konkrete Reaktionen auf die Zölle angekündigt. Audis Schwestermarke Volkswagen teilte ihren amerikanischen Händlern vor wenigen Tagen mit, auf eingeführte Autos eine „Importgebühr“ aufzuschlagen, deren Höhe Mitte April beziffert werden solle. Vorübergehend seien außerdem Zuglieferungen von Autos aus mexikanischer Produktion gestoppt und Importe aus Europa an Häfen zurückgehalten worden.
Der italienische Luxusautoanbieter Ferrari gab bekannt, seine Preise in den USA würden um maximal zehn Prozent angehoben. Der US-Hersteller Ford kündigte derweil Rabatte statt Preiserhöhungen an. Mit Verweis auf „unsichere Zeiten für viele Amerikaner“ versprach er, Kunden in den kommenden zwei Monaten die gleichen Preisnachlässe zu gewähren wie Mitarbeitern.
Wie in einem Schneesturm
Audi-Händler Menuzzo kam das Geschäft in den vergangenen Tagen vor wie vor einem Schneesturm in New York: „Dann rennen die Leute in den Supermarkt und kaufen Brot, Eier und Milch. Jetzt rennen sie zum Autohändler und kaufen Autos.“ Sein Autohaus habe im März einen Rekord aufgestellt und 225 Neuwagen verkauft, mehr als jeder andere Audi-Händler in den USA. Dabei hat Menuzzo die Dinge nicht dem Zufall überlassen und mit den drohenden Zöllen um Käufer geworben. Er ließ E-Mails an potentielle Kunden verschicken, in denen mit Hinweis auf die kommenden Aufschläge stand: „Ich würde vorschlagen, kommen Sie lieber früher als später zu uns, um so viel wie möglich zu sparen.“ Eine Angsttaktik, wie er nicht verhehlt.
Menuzzo gibt ein Beispiel für eine erfolgreiche Transaktion: Kürzlich kam eine Familie zu ihm ins Autohaus, die sich eigentlich nur informieren und nicht sofort ein Auto kaufen wollte. Die Frau war im zweiten Trimester schwanger und auf der Suche nach einem neuen Auto für ihre größer werdende Familie. Sie wollte aber ihren Volvo, mit dem sie sehr zufrieden war, noch weiterfahren, bis das Baby da ist. Menuzzos Verkäufer war indes daran gelegen, den Deal sofort unter Dach und Fach zu bringen. Also erzählte er nicht nur davon, was für ein tolles und sicheres Auto Audi sei, sondern brachte auch die Zölle ins Spiel und versprach einen guten Preis für ein Auslaufmodell. Noch am gleichen Tag nahm die Familie einen neuen Audi mit nach Hause.
Viele Kunden in Panik
Der Handlungsdruck, der von den Zöllen ausgeht, bringt in diesen Tagen nicht nur reinen Importeuren wie Audi mehr Kundschaft. Michael Brown ist Eigentümer der Empire Automotive Group, die im Großraum New York zwanzig Autohäuser betreibt. Darunter sind Händler für amerikanische Marken wie Chevrolet und Ford sowie Autos asiatischer Hersteller wie Toyota und Nissan. Auch der Audi-Laden, in dem Menuzzo Geschäftsführer ist, gehört zu seiner Gruppe.
Brown erzählt, das Geschäft in seinem Autoimperium sei derzeit allgemein „ziemlich wild“. Viele Kunden riefen in Panik an, der vergangene Samstag sei der bisher beste im ganzen Jahr gewesen. Brown ist sich freilich bewusst, dass damit ein Stück weit Nachfrage vorgezogen werde, die dann in einigen Monaten fehlen könnte. Es werde „definitiv“ einen Kater geben, sagt er.
Händler Menuzzo sieht Teilschuld bei Audi
Audi-Händler Menuzzo ist nicht grundsätzlich gegen Zölle. Für das Prinzip „reziproker“ Zölle als Reaktion auf Handelshemmnisse anderer Länder hat er Verständnis. Aber allein auf Basis des Fertigungsorts Zölle zu verhängen, findet er unfair. Und er kann sich vorstellen, dass er damit künftig einen Nachteil gegenüber den anderen deutschen Premiummarken BMW und Mercedes-Benz haben wird. Deren US-Händler könnten preissensiblen Kunden Autos aus amerikanischer Fertigung anbieten, die weniger von Zöllen betroffen sind, ihm sei das nicht möglich.
An dieser Situation gibt er auch Audi die Schuld. Er hält es für einen „Fehler“ und eine „Schande“, dass der deutsche Hersteller in den USA nicht schon längst Produktionskapazitäten aufgebaut habe. Es sei schließlich ein bedeutender Markt für Audi, und die Marke habe hier eine große Präsenz. Im vergangenen Jahr hat Audi in den USA knapp 200.000 Autos verkauft, der Absatz von BMW und Mercedes-Benz war jeweils fast doppelt so hoch.
Trotz der derzeitigen Unwägbarkeiten versuchen Brown und Menuzzo, Gelassenheit zu verbreiten. Beide sind seit vielen Jahren im Geschäft und haben einige Turbulenzen überstanden, von der Finanzkrise 2008 über den Tsunami 2011, der den Nachschub von Autos aus Japan zum Erliegen brachte, bis zum Hurrikan Sandy 2012, der in und um New York schwere Verwüstungen anrichtete.
Speziell Audi blickt auf einige düstere Episoden in den USA zurück. In den achtziger Jahren kam es zu einer Reihe von Unfällen mit Fahrzeugen des Herstellers, die sich unbeabsichtigt von selbst beschleunigten. Das ließ die Verkaufszahlen einbrechen, und es dauerte lange, bis sich Audi erholte. Auch vom Dieselskandal im VW-Konzern 2015 war die Marke betroffen. Insofern meint Menuzzo, Audi habe in den USA schon Schlimmeres als Zölle erlebt. „Ich liebe Audi, und ich denke, wir werden noch viele, viele Jahre in diesem Markt sein – Zölle hin oder her.“