Die Irrfahrt der PS-Dynastie Porsche

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Wolfgang Porsche sucht nicht die Öffentlichkeit. Eine banale Homestory über seine Beziehung mit Gabriele Prinzessin zu Leiningen und ein bisschen Celebrity-Klatsch, das muss reichen für die bunten Blätter. Lieber ist es dem 81 Jahre alten Oberhaupt der Volkswagen-Aktionärsfamilie, wenn er ein Leben abseits des Blitzlichtgewitters führen kann. Dazu passt es, wenn der Nachfahre des VW-Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche in diesen Tagen einen Privattunnel bauen lässt, der ihm und seiner Familie ungestörten Zugang zu seiner Villa auf dem Kapuzinerberg in Salzburg ermöglichen soll. Einen halben Kilometer lang soll der Tunnel sein, an dessen Ende eine Garage mit neun Parkplätzen geplant ist. In Salzburg sind längst nicht alle begeistert darüber, dass das einstige Refugium des Schriftstellers Stefan Zweig sprichwörtlich untergraben wird.

Die lokalen Querelen um das Anwesen auf dem Kapuzinerberg sind indes nichts im Vergleich zu den Dramen, die sich ganz aktuell im Konzern abspielen, den Wolfgang Porsche und seine Familie als historisches Erbe sehen. Volkswagen steckt in der Krise, und dass die Tochtergesellschaften Audi und Porsche gleichermaßen zu kämpfen haben, sorgt für Stress in der weitverzweigten Sippe. Die Familie sei sichtlich „nervös“, sagt ein ranghoher Manager. Statt sich geordnet in den Ruhestand zu verabschieden, versuchen Wolfgang Porsche und sein noch zwei Jahre älterer Cousin Hans Michel Piëch auf den letzten Metern ihres Berufslebens all jene Schwierigkeiten zu lösen, die vorher über viele Jahre verschleppt wurden.

Das ganze Ausmaß der Krise im Porsche-Piëch-Reich wird schon in wenigen Tagen für die breite Öffentlichkeit sichtbar werden. Wenn der VW-Konzern und seine Tochtergesellschaften den jährlichen Reigen an Bilanzpräsentationen beginnen, werden Sparprogramme, Restrukturierung und wachsende Angst vor Protektionismus das Bild bestimmen.

Strafzahlungen wie nach dem Dieselskandal

Die Stuttgarter Familienholding Porsche SE schreckte erst jüngst mit Abschreibungen auf, deren Dimension an Strafzahlungen nach dem Dieselskandal erinnern. Um bis zu 20 Milliarden Euro wird der Buchwert von VW in der Bilanz der Holding korrigiert, der des Sportwagenherstellers Porsche um bis zu 3,5 Milliarden Euro. Das Ergebnis dürfte ein drastischer Fehlbetrag in der Porsche SE sein, auch wenn es nur um „nicht zahlungswirksame“ Korrekturen geht, wie das Management betont.

Die im Dax notierte Holding baue wie geplant Schulden ab, die sie aufgenommen hatte, um milliardenhohe Anteilskäufe am Sportwagenhersteller Porsche zu finanzieren, als dieser vor zweieinhalb Jahren an die Börse ging. Eine Dividende wird die Holding natürlich trotzdem ausschütten. Der Geldstrom soll nicht versiegen, der all die Villen, Oldtimer-Sammlungen, Skilifte und andere Geschäftsideen finanziert, die sich die Familienmitglieder in dritter und vierter Generation leisten.

So wird der Autokonzern VW vor den Augen der Welt zum Lehrstück darüber, wie sich eine Industrieikone im Ringen um Tradition, Innovation und Kontrolle am Rande des Abgrunds bewegt. Noch laufen die Fäden in Salzburg und auf dem Schüttgut in Zell am See, dem traditionellen Familiensitz, bei den Altvorderen zusammen. Wolfgang Porsche hat zwar angekündigt, dass die aktuelle Amtszeit im Aufsichtsrat der Volkswagen AG seine letzte sein wird.

Danach sollen „Jüngere ran“, sagte er vor zwei Jahren, als er sich im Amt bestätigen ließ – bis zum Mai 2028. Dass Wolfgang Porsche vorzeitig geht, wie manch einer in der Nachfolgegeneration insgeheim gehofft haben dürfte, dafür gibt es aber derzeit keinerlei Anzeichen, wie jetzt aus dem Umfeld des Aufsichtsrats verlautet. Das Gleiche gilt für Hans Michel Piëch, der sogar bis zum Jahr 2029 gewählt ist. Der Generationswechsel lässt also weiter auf sich warten, und wohin die Familie mit Europas größtem Autokonzern steuern will, bleibt die sprichwörtliche „Blackbox“, ein Familiengeheimnis.

Die Familie wird immer in Schieflagen sichtbar

Die Mehrheit der stimmberechtigten Stammaktien des VW-Konzerns kontrolliert die Porsche SE als Beteiligungsgesellschaft. Zusätzlich hält sie eine direkte Sperrminorität an dessen Tochtergesellschaft, dem Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen. Die Familie denke in Generationen, sagt ein Insider – und richtig sichtbar wird sie immer erst, wenn der Konzern in Schieflage gerät wie im Dieselskandal. Damals, im September 2015, trat der langjährige Konzernchef Martin Winterkorn auf Drängen der Familie zurück. Besser wurde es jedoch nicht.

Im Gegenteil: Die Zeit unter den Nachfolgern Matthias Müller und Herbert Diess gilt heute als verlorene Jahre. Schlimmer noch: Diess’ überambitionierte Elektrostrategie und seine gescheiterten Software-Pläne belasten bis heute die Modellreihen aller Marken, vom VW Golf, dessen Software abstürzte, bis zum Audi Q6 e-tron, der zwei Jahre verspätet auf den Markt kam. Die Familie servierte Diess ab und ersetzte ihn durch Oliver Blume. Der gebürtige Braunschweiger, ein Vertrauter von Wolfgang Porsche, machte sich sofort an die Sanierung, setzte ungezählte Taskforces ein und schickte Finanzspezialisten durch alle Teile des Konzerns.

Blumes Doppelrolle als Chef von VW und Porsche sollte Durchschlagskraft sichern. Den Konzern führen und gleichzeitig in der Marke verankert bleiben, die den Namen der Familie führt: Kritik des Kapitalmarkts an der damit verbundenen hohen Belastung Blumes hat die Familie stets abperlen lassen. Doch die zunehmenden Schwierigkeiten von Porsche zwingen jetzt zum Umsteuern. Bis zum Sommer, so wird im Konzern erwartet, dürften die Familienoberhäupter zusammen mit dem an VW beteiligten Land Niedersachsen Klarheit darüber schaffen, wie Blumes Spagat zwischen den beiden Firmensitzen in Wolfsburg und Stuttgart beendet werden kann.

Neue Aufteilung der Zuständigkeiten steht an

Die Führung von Porsche wird der 56 Jahre alte Topmanager wohl abgeben, und viele Verantwortliche in Wolfsburg sähen es gern, wenn er stattdessen Chef der Stammmarke VW wird – als neue, stabile Machtbasis neben dem Posten als Chef des VW-Konzerns. Diese Konstellation – Führung von Stammmarke und Konzern in einer Hand – hat es historisch immer wieder gegeben, ohne dass sich der Kapitalmarkt daran störte, zuletzt unter Winterkorn und kurzzeitig auch unter Diess.

Der Ruf des aktuellen Vorstandsvorsitzenden der Marke VW, Thomas Schäfer, hat zuletzt gelitten, nicht nur bei den Hardlinern in Wolfsburg, die sich härtere Einschnitte für die Stammmarke wünschen. Auch die Familien sollen das vor Weihnachten eilig beschlossene Sparprogramm für die Marke nur zähneknirschend mitgetragen haben und denken darüber nach, wie sich der Umbau der Marke weiter beschleunigen lässt. Nur: Der Wegfall der Aufgabe in Stuttgart soll Blume ja gerade entlasten und nicht durch neue Aufgaben in Wolfsburg wieder aufgefüllt werden. Es sind zu viele Krisenherde auf einmal, die Blume als Konzernchef fordern.

Als leuchtendes Beispiel, an dem sich die ganze VW-Gruppe ausrichten soll, taugt die Sportwagenmarke Porsche nicht mehr. Überall häufen sich die schlechten Nachrichten. In China sind die Verkäufe seit dem Höchststand vor drei Jahren um mehr als 40 Prozent eingebrochen, vor allem die Nachfrage nach Porsches vollelektrischem Taycan enttäuschte die Erwartungen. Als Fehler erwies sich auch die Entscheidung, den Nachfolger des SUV-Bestsellers Macan nur in Elektroversionen zu bringen. Jetzt muss Porsche Verbrennermotoren aus dem Schwestermodell Audi Q5 nachschieben, um den Kundenwünschen gerecht werden zu können.

Harte Einschnitte bei Porsche in Zuffenhausen

Die Absatzziele wurden gekappt, und die Kostenstruktur wird auf eine Jahresproduktion von nur noch 250.000 Autos ausgerichtet. Am Stammsitz in Stuttgart-Zuffenhausen und im Entwicklungszen­trum in Weissach fallen bis 2029 rund 15 Prozent der Stellen weg. Die Profitabilität ist nach vorläufigen Zahlen auf 14 Prozent gesunken. Von der angestrebten Zielmarke von 20 Prozent wird sie sich dieses Jahr wohl noch weiter entfernen.

Das hat nun personelle Konsequenzen: Vertriebsvorstand und Finanzchef werden getauscht, und die Familie hat Blume freie Hand in der Auswahl der Nachfolger gelassen. Der setzt überall enge Vertraute ein, etwa Jochen Breckner, einen promovierten Betriebswirt, der sich bei Porsche vom Praktikanten bis zur Top-Führungskraft hochgearbeitet hat. Der bisherige Finanzchef Lutz Meschke muss dagegen nach internen Machtkämpfen und Vorstandsquerelen gehen. Ihm lässt die Familie noch das Beteiligungsmanagement ihrer Holding, der Porsche SE.

Für die Misere ist aber nicht nur das Management verantwortlich, sondern auch die Familie, übt sie in der Sportwagenmarke Porsche doch besonderen Einfluss aus. Während ihre Vertreter im VW-Konzern als normale Mitglieder im Aufsichtsrat sitzen, leitet Wolfgang Porsche den Aufsichtsrat des Sportwagenherstellers als Vorsitzender, genau wie den Aufsichtsrat der Porsche SE.

Schon länger gilt Audi als Sanierungsfall

Noch schlechter sieht es bei der VW-Tochtergesellschaft Audi aus. Dort ist die Rendite auf spärliche 2,5 Prozent abgesackt. Mit 1,67 Millionen verkauften Fahrzeugen (minus 12 Prozent) ist die Marke mit den vier Ringen hinter den Elektroautopionier Tesla zurückgefallen. „Audi ist ein Restrukturierungsfall“, hat Blume schon voriges Jahr gesagt. Mit der Restrukturierung ist der frühere Porsche-Manager Gernot Döllner betraut, den Blume im Sommer 2023 auf den Chefsessel in Ingolstadt hievte. Döllner steuert nun einen harten Sparkurs, dem in den nächsten Jahren im indirekten Bereich – also allen Jobs außerhalb der Produktion – 8000 Stellen zum Opfer fallen könnten.

Der Stammsitz Ingolstadt wäre besonders hart getroffen, sollten wie geplant allein rund 3000 Ingenieure in der technischen Entwicklung gehen müssen. Für alle Beschäftigten soll das Tarifentgelt gesenkt, sollen Zuschläge für Nachtschichten gestrichen und zudem ganze Bereiche in der Produktion, Logistik und Verwaltung ausgelagert werden. Von einer „Liste des Grauens“ spricht die IG Metall und kündigte Widerstand an.

Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Audi in Deutschland per Betriebsvereinbarung bis 2029 ausgeschlossen. Anders als bei VW hat der Vorstand die Beschäftigungssicherung auch nicht gekündigt. Im November haben Sondierungsgespräche zwischen Management und Belegschaft begonnen, und die Belegschaftsvertreter fordern für etwaige Zugeständnisse eine Verlängerung der Beschäftigungssicherung an den heimischen Standorten über 2029 hinaus. „Nach den Sondierungsgesprächen sind wir jetzt in intensiven Verhandlungen und hoffen, in den nächsten Wochen zumindest ein Eckpunktepapier vereinbaren zu können“, sagte Betriebsratschef Jörg Schlagbauer der F.A.Z.

Mitarbeiter glauben nicht an die Vorgaben der Eigentümer

Für ihn ist nicht alles verhandelbar. „Noch liegen wir weit auseinander. Die Outsourcing-Pläne des Vorstands, die rund 1600 Stellen betreffen, machen für uns überhaupt keinen Sinn.“ Döllner soll die Rendite der einstigen Vorzeigemarke auf „Premiumniveau“ heben, wie es die Familien verlangen. Bis 2030 will Audi eine Marge von 13 Prozent erwirtschaften, die in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation der Automobilindustrie nicht minder anspruchsvoll ist wie die 20 Prozent bei Porsche. Belegschaftsvertreter halten die Erwartungen der Anteilseigner für völlig überzogen.

Die Familie macht derweil weiter wie immer. Die Altvorderen halten die Stellung, und die nächste Generation muss sich in Geduld üben. Etwa drei Dutzend Nachkommen umfasst die Generation, die auf Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch folgt. Sie sind Medienunternehmer, Waldorfpädagogen, Immobilienmakler oder Feinkosthändler. Manche haben selbst schon ein Alter erreicht, in dem andere über den Ruhestand nachdenken, etwa Ferdinand Oliver Porsche. Der 63 Jahre alte Sohn des Designers Ferdinand Alexander Porsche sitzt seit vielen Jahren mit seinen beiden Onkel in mehreren Aufsichtsräten des VW-Imperiums.

Andere haben vor nicht allzu langer Zeit noch auf dem Opernball in Wien im Dreivierteltakt debütiert und rücken allmählich an die Machtzentren heran wie Sophie Piëch. Die 30 Jahre alte Tochter von Hans Michel Piëch ist in den Aufsichtsrat der Porsche SE aufgestiegen. Sie alle müssen bald Wege finden, mit dem Erbe umzugehen. Doch ob sie Ideen haben – und wenn ja, welche –, bleibt Familiengeheimnis. Alles wird im engsten Kreis beraten. Wer dann eines Tages zu den wichtigen Besprechungen durch den Privattunnel zur Stefan-Zweig-Villa auf den Kapuzinerberg fahren wird, weiß heute vermutlich noch nicht einmal die Familie selbst.