Biodiversitätskonferenz COP16: Ein spätes, aber klares Signal

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Stand: 28.02.2025 14:40 Uhr

Lange stand ein Kompromiss auf der Kippe – in der Nacht gelang es dann: Der Weltnaturgipfel in Rom hat sich auf die Finanzierung der globalen Artenschutzziele geeinigt. Endlich, sagen Experten.

Kurz vor 23 Uhr am späten Donnerstagabend gab es in Rom keine Einwände mehr. Die kolumbianische Umweltministerin und Konferenzpräsidentin Susana Muhamad erklärt die Strategie zur Finanzierung des Artenschutzes für angenommen. Als Arme, Beine und Muskeln der 2022 gesteckten Artenschutzziele hatte die Konferenzpräsidentin die Strategie vorher bezeichnet. Die Strategie soll Gelder mobilisieren, mit denen das Artensterben bis 2030 gestoppt werden soll.

Der Einigung waren mehrere Textvorschläge vorausgegangen, unter anderem von der Präsidentin selbst. Aber auch die BRICS-Staaten – Bündnis gegründet von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – hatten sich als Gruppe mit einem Kompromissvorschlag bei der Lösungsfindung eingebracht.

Vertreter von rund 200 Teilnehmerstaaten konferieren am Sitz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom. Eine erste Runde der COP16 war vergangenen Oktober im kolumbianischen Cali ohne konkrete Beschlüsse vertagt worden.

Freude über Beschluss

Bei der deutschen Delegation kam ab dem Moment des Beschlusses sichtlich Feierstimmung auf, auch beim politischen Verhandlungsführer, dem parlamentarischen Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Jan-Niclas Gesenhues. “Die Stimmung ist richtig gut. Ich bin richtig glücklich. Wir haben unheimlich viel Arbeit reingesteckt und jetzt haben wir so einen richtigen ‘Jetzt erst recht’-Moment gesehen”, sagte Gesenhues kurz nach dem der Beschluss gefallen war.

Auch Biologin Katrin Böhning-Gaese zeigt sich erleichtert: “Wir sind jetzt einen ganz zentralen Schritt vorangekommen”, sagt die Direktorin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) im tagesschau24-Interview. “Es zeigt, dass internationale Vereinbarungen geschlossen werden können, dass da alle in dem Fall 200 Nationen an einem Strick ziehen können und der gemeinsame Wille besteht, die Biodiversität auf dieser Erde zu schützen und zu fördern.”

Artenvielfalt als Existenzgrundlage

Denn die ist lebenswichtig für uns Menschen, erklärt Professorin Böhning-Gaese. “Fast alles, was wir nutzen – unsere Luft, das Trinkwasser, unsere Kleidung, unser Essen, selbst moderne Medikamente – kommt aus der Natur. Deswegen sind wir als Menschheit ganz massiv auf den Schutz der Biodiversität angewiesen.” Das hat auch einen wirtschaftlichen Faktor: Über die Hälfte der Wirtschaftsleistung auf globaler Ebene hänge von funktionierenden Ökosystemen ab. “Zu den Toprisiken für Unternehmen steht in den nächsten zehn Jahren an Platz zwei der Verlust der Biodiversität.”

Gelder aus unterschiedlichen Quellen für den Naturschutz

Bei der Konferenz im kolumbianischen Cali waren die Staaten noch an einer Einigung gescheitert. Im Kern ging es in dem Streit um die Frage, wie in den kommenden Jahren Gelder aus privaten und öffentlichen Quellen für den Erhalt der biologischen Vielfalt mobilisiert und verteilt werden sollen.

Die anvisierte Summe steht dabei bereits seit dem Weltnaturabkommen Kunming-Montreal von 2022 fest: Die weltweiten Ausgaben für den Erhalt von Ökosystemen und biologischer und genetischer Vielfalt sollen bis 2030 sukzessive steigen und ab 2030 mindestens 200 Milliarden US-Dollar (knapp 193 Milliarden Euro) betragen.

Die Summe beinhaltet jegliche Ausgaben von Staaten für den Schutz der Natur auf ihrem eigenen Gebiet, aber auch Abgaben von Unternehmen, private Investitionen und Hilfsgelder der Industriestaaten für den Erhalt von Ökosystemen in ärmeren Ländern. Die Summe dieser Gelder soll schon ab diesem Jahr 20 Milliarden und ab 2030 dann 30 Milliarden US-Dollar betragen.

Streit um Finanzinstrument

Viele Länder des globalen Südens hatten dafür das Errichten eines neuen Fonds gefordert. Hintergrund ist, dass sie sich davon einen freieren Zugang und mehr Mitsprache, als bei den bisherigen Finanzinstrumenten versprechen. Bisher werden die Gelder von der “Global Environmental Facility” (GEF) verwaltet, die eng mit der Weltbank zusammenarbeitet.

Der deutsche Chefverhandler Gesenhues hatte im Vorfeld jedoch davor gewarnt, sich in Strukturdebatten zu verlieren und so die Umsetzung der Artenschutzziele auszubremsen. “Wir haben einen guten Kompromiss geschafft”, wertete Gesenhues das Verhandlungsergebnis. “In einer sehr diversen Welt zeigen wir: Multilaterale Instrumente, Konferenzen funktionieren und die können Lösungen liefern. Und allein das ist eine Supernachricht von dieser Konferenz”, so der Staatssekretär.

Kompromiss sieht Reformen vor

Der Kompromiss zwischen den Staaten sieht vor, die bestehenden Fonds und Institutionen zu überprüfen, zu reformieren und gegebenenfalls zu ergänzen. So sollen auch Länder des globalen Südens mehr Zugang und Mitspracherecht bekommen, ohne das sofort zwangsläufig ein neuer Fonds eingerichtet wird. Hintergrund der Debatte ist aber auch, dass Gelder bisher nicht ausbezahlt werden können, wenn ein Staat, wie beispielsweise Russland, mit UN-Sanktionen belegt ist. Wie damit in Zukunft umgegangen wird, muss noch geklärt werden.

Die Staaten haben aber Kriterien festgelegt, die Finanzmechanismen in Zukunft erfüllen sollen, wie Transparenz, Effizienz und fairer Zugang. Die Finanzierungsstrategie gibt auch den Plan vor, wie Gelder aus anderen Quellen wie von Unternehmen oder aus privater Hand mobilisiert werden sollen. Auch soll es in Zukunft einen regelmäßigen weltweiten Dialog von Umwelt- und Finanzministern und Ministerinnen geben um die Finanzierung des Naturschutzes zu sichern.

Ein Durchbruch, findet Biologin Böhning-Gaese. Aber: “Die Uhr tickt.” 2030 sei nicht mehr lange hin, nun gehe es um die Umsetzung. “Jetzt können wir richtig loslegen.”