Als der Chef des Münchner Chipkonzerns Infineon vor zwei Jahren den Spatenstich für die neue Fabrik in Dresden gemacht hat, holte er sich Verstärkung aus Brüssel und Berlin: Ursula von der Leyen und Olaf Scholz. Die Präsidentin der EU-Kommission sprach angesichts des neuen Werks von einem „Leuchtturm für Europa“; Scholz erklärte, davon brauche man mehr. Es sei wichtig, industrielle Schlüsselprodukte wieder in Europa herzustellen. Entsprechend trieb Infineon-Chef Jochen Hanebeck die Arbeiten voran.
Heute drehen sich auf der Fabrikbaustelle im Dresdner Norden viele Kräne. Das wird den Druck auf die hiesige Wirtschaft aber kaum mindern. Im Gegenteil. Amerika lässt die Zollschranken runter; Russland wird aufgrund seines Angriffskrieges gegen die Ukraine seit mehr als drei Jahren sanktioniert; China droht immer mal wieder mit Lieferstopps wichtiger Rohstoffe, Vor- und Endprodukte. Brüssel übt sich in dem, was es Risikominimierung nennt; Washington versucht, sich von ausländischen Einflüssen abzukoppeln.
Vor diesem Hintergrund stellen derzeit ganze Industrien ihre Standorte und Lieferketten auf den Prüfstand. Der amerikanische PC-Hersteller Dell will sein Produktionsvolumen in China halbieren, Apple in Amerika wieder Computer bauen. Volvo wird Teile seiner Autofertigung von China nach Belgien verlagern, Frankreichs Pharmariese Sanofi neue Produktionskapazitäten nicht in Asien, sondern in Europa hochziehen. Der deutsche Optikkonzern Zeiss baut seinen Entwicklungs- und Produktionsstandort Jena aus. Tausende Konzerne in aller Welt orientieren sich um.
Sie nehmen nach Jahrzehnten der Globalisierung nun ihre angestammten Kunden- und Heimatmärkte wieder stärker in den Blick. Sie holen einstmals ausgelagerte Fertigungen zurück, knüpfen Zuliefernetze neu, forcieren regionale statt globale Produktionsketten, und sie setzen die Minimierung von Risiken, statt die Maximierung von Gewinnen an die oberste Stelle ihrer Agenda. Das sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Re-Industrialisierungsstrategien in Europa und den USA 2025“ von Capgemini – erschienen kurz vor den globalen Industrieleitmesse, die am Montag in Hannover beginnt.
Das französische Beratungshaus fand in einer Umfrage unter 1400 Konzernchefs heraus, dass in Europa und Amerika über die nächsten drei Jahre 4700 Milliarden Dollar in die Reindustrialisierung investiert werden, also in das Wiedererstarken des verarbeitenden Gewerbes in alten Industriezentren. In den vergangenen drei Jahren gaben die Unternehmen dafür 3100 Milliarden Dollar aus. Kein Wunder: Seit der Corona-Krise mit ihren Engpässen wollen Amerikaner und Europäer ihre Abhängigkeiten reduzieren.
Mit riesigen Staatsbeihilfen, harschen Straf-, Schutz- und Vergeltungszöllen verfolgen sie eine aktive Industrie- und Ansiedlungspolitik. War vor zehn Jahren noch ein Großunternehmen wie der deutsche Roboterbauer Kuka an China abgetreten worden, sperrte Berlin 2023 den Verkauf des eher kleinen Dortmunder Chipherstellers Elmos ins Reich der Mitte. Wollte Berlin 2016 noch den Chipmaschinenbauer Aixtron an chinesische Investoren durchwinken, bremste es 2022 den Verkauf des Münchner Chipzulieferers Siltronic nach Taiwan aus.
Europa und Amerika wollen möglichst viele Chips wieder selbst bauen, wollen eigene Batterien, Roboter oder auch Medikamente herstellen, um nicht in vermeintlich falsche Abhängigkeiten zu geraten und gut bezahlte Industriearbeitsplätze im eigenen Land zu haben. Wurden zu Hochzeiten der Globalisierung viele Arbeitsplätze in der Industrie verschmäht und gern an China abgegeben, sind sie nun wieder heiß begehrt. Hatte Europa im Jahr 2001 im verarbeitenden Gewerbe 27 Millionen Jobs, sind es heute noch 24 Millionen. Gab es in den Vereinigten Staaten der siebziger Jahre fast 20 Millionen Arbeiter in der Industrie, sind es heute nur noch 12 Millionen. Bald sollen es wieder 15 Millionen sein. Ein ambitioniertes Ziel.
Dafür hatte Washington 2008 einen ersten Plan vorgestellt, 2014 das „Gesetz zur Wiederbelebung des verarbeitenden Gewerbes in Amerika“ und 2022 den 700 Milliarden Dollar teuren „Inflation Reduction Act“ verabschiedet. Peking verfolgt einen Zehn-Jahres-Plan zur „Aufwertung der chinesischen Industrie“; Paris den 100 Milliarden Euro schweren France-Relance-Plan zur „Rückverlagerung der industriellen Produktion“. Brüssel und Berlin folgten mit eigenen Plänen. Das Ziel: die jeweilige Wirtschaft auf eine breite industrielle Basis stellen.
In den USA macht das verarbeitende Gewerbe derzeit zehn Prozent des BIP aus. In China kommen rund 30 Prozent der landesweiten Wirtschaftsleistung von der Industrie. In Europa trägt sie knapp 15 Prozent der jährlichen Bruttowertschöpfung. Deutschland gilt hier mit einem Anteil des verarbeitenden Gewerbes am nationalen BIP von rund 20 Prozent als Schwergewicht. Polen kommt auf 16, Italien auf 15 und Frankreich auf 10 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes.
Während in Deutschland mit seiner breiten industriellen Basis derzeit die Ängste vor einer Deindustrialisierung umgehen, spricht man andernorts schon von Reindustrialisierung, sagt Michael Schulte von Capgemini. Das sei oft einfacher gesagt als getan. Denn die Wiederbelebung alter Wirtschaftscluster und Industriestandorte komme zwar mit neuen Strukturen wie kürzeren und robusteren Lieferketten daher. Oft aber ziehen sie auch höhere Arbeits- und Energie-, Rohstoff- und Produktionskosten nach sich.
Um diese Geschäftsrisiken führe angesichts der labilen geopolitischen Lage kein Weg vorbei, erklärte die Hälfte der von Capgemini befragten Industriemanager. So gaben sie an, die Investitionen auf den Heimatmärkten unvermindert voranzutreiben. 60 Prozent wollen das Tempo und die Investitionssummen gar erhöhen. Schulte spricht von milliardenhohen Beträgen, von Onshoring, Nearshoring und Reshoring, also der Heimholung einstmals ausgelagerter Industrien, Geschäfts- oder Produktionsprozesse. In der als Schlüsselbranche jeder modernen Wirtschaft geltenden Halbleiterindustrie hat Brüssel wie Washington mit seinem milliardenschweren Chips Act zwar einige Fundamente für die Renaissance der hiesigen Branche gelegt.
Doch mit den US-Herstellern Intel und Wolfspeed haben zwei große Investoren ihre Projekte im Wert von 35 Milliarden Euro in Deutschland bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Amerika setzt in der EU keine industriepolitischen Leuchttürme mehr. Das muss Europa schon selbst tun.